Schwartz war selbst in Auschwitz. Seine Mutter und seine Schwester wurden dort ermordet. Er war auch in Dachau und hat als Fünfzehnjähriger schwere Zwangsarbeit leisten müssen. Er ist den SS-Wärtern während eines Transports entflohen und wurde von Hitlerjungen angeschossen.

Leslie, geboren unter dem ungarischen Vornamen László, hat das alles überlebt und erzählt jetzt davon. Seit einigen Jahren erzählt er seine Geschichte jungen Menschen aus dem Volk, aus dem die Untaten von Auschwitz und Dachau entsprungen sind: Deutschen.

Demnächst soll seine Geschichte sogar verfilmt werden, Schwartz sagt, Ben Kingsley solle ihn darstellen, wenn das Projekt verwirklicht wird. Dieses Jahr aber hat er erstmals auch jungen Leuten aus dem Volk davon erzählt, das ihn den Deutschen ausgeliefert hat, dem Volk, in dem er vor 85 Jahren geboren wurde: Ungarn.

Leslie, du bist verrückt, haben sie ihm im ungarischen Klub in New York gesagt. Verrückt, weil du nach Ungarn zurückgehst. Weißt du nicht, was sie dir angetan haben? In New York hat Schwartz sein Glück gemacht. Dort fand er nach dem Krieg eine Anstellung, dort zog er in den siebziger Jahren eine eigene Druckerei auf. Inzwischen hält er eine Wohnung am Großen Apfel und eine in Miami.

Aber schon in den achtziger Jahren hat er einen Schritt zurück gemacht. Seine zweite Ehefrau kommt aus Münster in Westfalen. Über die Sommerhälfte des Jahres wohnt er in Deutschland, und da ist sein Terminplan dichter denn je. Erst seit acht Jahren, aber Jahr um Jahr immer intensiver, reist Schwartz in Deutschland von Termin zu Termin, vor allem von Schule zu Schule, und erzählt seine Geschichte. Jetzt also etwas Neues: dasselbe in Ungarn.

Wie würde er in Orbáns Ungarn aufgenommen werden?

Die Lieder, die Schwartz bestellt, kennt er aus dem ungarischen Klub in der Neuen Welt. Die Zigeunermusiker in dem Budapester Lokal mit den karierten Tischdecken kennen die Lieder ebenfalls. Es ist das klassische Repertoire. Aber das Lied aus „Schindlers Liste“ kennen sie auch. Das scheint Schwartz angenehm zu überraschen. So wie er in mancher Hinsicht angenehm überrascht wird bei seinem Besuch in Ungarn, dem nicht nur die Freunde aus dem ungarischen Klub skeptisch entgegengesehen haben, sondern auch er selbst mit einiger Sorge.

Wie würden sie ihn annehmen in dem Land, das ihn einst ausgestoßen hat und über dessen heutige nationale und konservative Regierung so viel Schmähliches zu lesen ist? Deren Führungsperson, Ministerpräsident Viktor Orbán, nicht nur dem Liberalismus offen die Gegnerschaft angesagt hat, sondern der von ihren Gegnern auch antidemokratische Tendenzen und sentimentale Rückgriffe in die Zeit vor 1944 nachgesagt werden?

Viktor Orbán ist ein Politiker, der gerne streitet, innenpolitisch wie außenpolitisch. In der Flüchtlingskrise hat er sich mit seiner harten Linie mit halb Europa angelegt. Auch geschichtspolitisch ist er angeeckt. Ohne öffentliche Debatte im Land, geschweige denn international, ließ er ein krudes Denkmal auf einen zentralen Platz in Budapest setzen, das Ungarn als unschuldiges Opfer Hitlerdeutschlands darstellt. Subtext: Für das, was nach der Besetzung 1944 passierte, für die Deportation von 800.000 ungarischen Juden in die Vernichtungslager, trug Ungarn, da nicht mehr souveräner Staat, keine Verantwortung.

Ausgeblendet bleibt dabei, dass Ungarn schon zuvor ein williger Verbündeter in Hitlers Krieg war. Juden wurden im Ungarn des „Reichsverwesers“ Miklos Horthy seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts diskriminiert. Es gab auch eine Deportation Tausender Juden aus dem Gebiet der heutigen Slowakei. Die systematischen Deportationen begannen allerdings in der Tat erst nach der Besetzung durch die Wehrmacht – dann allerdings kooperierten die nunmehr an die Macht gelangten ungarischen Nazis, Pfeilkreuzler genannt, so willig und eifrig, dass Adolf Eichmanns Schergen kaum nachkamen. Binnen Monaten wurden annähernd 600.000 ungarische Juden ermordet.

Ungarische Mitschuld am Holocaust wird heute thematisiert

Das ist die eine Seite der Geschichtspolitik unter Orbán: ein geradezu krampfhaftes Bemühen, die Ära Horthy, die man durchaus differenziert betrachten kann, reinzuwaschen und zu rehabilitieren. Die andere Seite aber ist, dass Orbán und seine Leute so klar wie keine andere ungarische Regierung zuvor, auch nicht unter linker Führung, ausgesprochen haben, dass Ungarn – ungarische Menschen und ungarische Behörden – eine Mitschuld tragen am Holocaust.

Dieses Jahr hat Ungarn den Vorsitz der „International Holocaust Remembrance Alliance“ übernommen. Es werden Tagungen abgehalten, es soll aber auch ganz konkret Wissen über den Holocaust (auch den Völkermord an Roma) in den Schulen vermittelt werden. Und deshalb hat sich die Regierung auch um Schwartz bemüht und ihn gebeten, das, was er seit einigen Jahren in Deutschland macht, auch in Ungarn zu tun: eben Schülern zu erzählen, wie es ihm damals ergangen ist. Diesen Sommer hat er zugesagt und ist nach Budapest gekommen.

 

 
Leslie Schwartz im Mai 2014 im Gespräch mit deutschen Schülern. (© Franziska Gilli)

 

 Wir treffen Leslie Schwartz in der ehemaligen Synagoge in der Budapester Páva-Straße. Sie dient inzwischen als Veranstaltungsraum des Holocaust Memorial Center, einer unter der ersten Regierung Orbán 1999 etablierten Stätte zur Erinnerung, Dokumentation und Forschung.

Schwartz nimmt ein Schwarzweißbild aus der Tasche, ein Klassenfoto aus den vierziger Jahren. In der hintersten Reihe ganz links außen grinst ein blondes Kerlchen mit etwas abstehenden Ohren. Das ist der kleine László. Dann fährt der Finger des alten Leslie etwas zittrig auf die rechte Bildhälfte und zeigt auf ein Mädchen mit blonden Locken. Das war Judit, die Tochter der Lehrerin. „Sieh nur, wie schön sie war.“

Als die Wehrmacht Ungarn besetzte, verbot die Lehrerin ihrer Tochter den Umgang mit dem jüdischen Jungen. Die beiden Vierzehnjährigen konnten einander nur noch Briefchen zukommen lassen, und das auch nicht mehr lange. Dann wurde László mit seiner Familie ins Ghetto Kisvarda (Kleinwardein) vertrieben und wenige Wochen später nach Auschwitz verschleppt.

Frieden machen mit dem Land seiner Geburt

Jahrzehnte später, nach der Wende, spürte Schwartz Judit in Budapest auf. Als er sie anrief, brach sie in Tränen aus. Sie verabredeten sich im Hotel Gellért. Er erblickte sie und war schockiert. Sie war alt geworden und von einer Krebserkrankung gezeichnet. „Was ist aus meiner Judit geworden!“ Inzwischen ist sie gestorben.

Schwartz ist ein unpolitischer Mensch. Der Streit über Orbán interessiert ihn nicht. Ihn interessiert, wie man ihn selbst behandelt, und man behandelt Schwartz gut im Ungarn von heute. Warum tut die Regierung das? Auch mit dieser Frage kann er nicht viel anfangen.

Er will Frieden mit dem Land seiner Geburt machen. Wie es aussieht, hat er ihn gefunden, so wie er schon seinen Frieden mit Deutschland gemacht hat. Dieser Tage hat ihn der Generalkonsul in New York mit der höchsten ungarischen Auszeichnung dekoriert.

Eine nette Mitarbeiterin des für die Holocaust-Erinnerung zuständigen Staatssekretärs organisiert das Programm. Schwartz hält zunächst in Budapest drei Tage lang seinen Vortrag vor Schülergruppen, dann fährt er „to my Kuhdorf“. Er spricht ein fröhliches Gemisch aus Englisch und Deutsch, Ungarisch geht ihm auch noch leicht von den Lippen.

In Baktalórántháza, einer Kleinstadt bei Debrecen im Nordosten Ungarns, wurde László Schwartz vor 85 Jahren geboren. Er trifft dort den Bürgermeister, den Schuldirektor und noch allerlei Honoratioren; „wirkliche Leute, keine Politiker“. Der Vater des Bürgermeisters war ein Freund des Vaters von Schwartz. Der Vater war Chemiker, er stellte eine bei den Damen damals beliebte Hautcreme her und vertrieb sie unter dem verheißungsvollen Namen Lavander.

Am wichtigsten ist ihm die Begegnung mit den Schülern

Viele Juden im Ort waren Kaufleute. Die Arbeiter konnten anschreiben lassen, wenn ihnen gegen Monatsende das Geld ausging. Ob der Eifer, mit dem sich so viele an den Deportationen beteiligt oder zumindest bereitwillig weggesehen haben, auch damit zu tun hatte? Jetzt jedenfalls haben die Leute dem Heimkehrer gesagt, man würde sich wünschen, dass es noch die Kaufleute gäbe, die ihre Kunden persönlich kennen und notfalls auch mal anschreiben.

Die Begegnungen in Baktalórántháza und in Kisvardein waren etwas Besonderes für Schwartz. Die Leute schenkten ihm ein schönes Buch über die Synagoge von Budapest, man stieß mit Pálinka an, ungarischem Obstschnaps. „And lots of Fresserei.“ Aber am wichtigsten war Schwartz die Begegnung mit den Kids, mit den Schülern in Budapest.

Fünfzig Jungen und Mädchen um die sechzehn Jahre schlurfen in den Veranstaltungsraum im Holocaust Memorial Center, das einst eine Synagoge war. Es sind Gymnasiasten einer Budapester Schule. Vorne sitzen Leslie Schwartz und eine Lehrerin, außerdem einer der Kuratoren des Museums. Schwartz redet Englisch, der Kurator übersetzt.

Der alte Mann spricht davon, dass er eigentlich mit 16 schon hätte tot sein sollen. Dass er in einem Dorf gelebt habe, in dem Juden und Christen gut miteinander ausgekommen seien. Dass seine Eltern stolze ungarische Patrioten gewesen seien. Über Nacht sei die Haltung ihrer Nachbarn in Hass umgeschlagen, damals im Jahr 1944. „Ich habe mich gefragt, wie nur ein solcher Wahnsinn über meine liebe Heimat kommen konnte. Das ist eines der größten Mysterien meines Lebens.“

„Heilung und Gerechtigkeit“

Gezeigt wird auch ein Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks, englisch synchronisiert, über Lautsprecher auf Ungarisch übersetzt. Er handelt von Schwartz und dem Mühldorfer Todeszug, jenem Häftlingstransport, aus dem in den letzten Kriegstagen mehrere Gefangene zu fliehen versuchten. Die meisten wurden von den SS-Männern, aber auch von Zivilisten wieder eingefangen oder getötet. Schwartz konnte knapp und schwer verwundet entkommen. Es gab auch Zivilisten, die halfen – zu seinem Glück.

Schwartz spricht von Heilung und Gerechtigkeit, der Notwendigkeit, der Wahrheit der Geschichte ins Gesicht zu sehen, gegenseitigem Respekt und einer besseren Welt, die möglich sei. „Mein Leben hat den Zweck, eine Lehre zu sein.“ Die Klasse reagiert, wie Jugendliche wahrscheinlich überall auf der Welt in einer solchen Geschichtsstunde reagieren würden: Ein paar lauschen gebannt, andere schauen irgendwann in der Gegend herum, ein paar scheinen auch dringend etwas Schlaf nachholen zu müssen. Getuschelt wird kaum.

Ein paar trauen sich hinterher, Fragen zu stellen: Wie er all das Leiden habe aushalten können, wie das Zusammenleben in der Zeit vor der Deportation gewesen sei. Politisches scheint auch die Schüler nicht zu interessieren. Schwartz antwortet jetzt auf Ungarisch. Er ist von den Schülern angetan, sogar sehr. Es sei wie mit den Schülern in Deutschland oder Dänemark, vor denen er gesprochen habe. „Ich fühle, dass ich eine neue Generation sehe.“

Und die Schüler, wie hat ihnen diese ungewöhnliche Geschichtsstunde gefallen? Ein Mädchen, Noémi, sagt artig, sie habe schon viel über dieses Thema gelernt und wolle noch mehr über den Holocaust wissen. „Ich möchte nicht fühlen, was sie erlebt haben in Auschwitz. Aber sie sind sehr fröhlich jetzt und sind sehr nett zu Kindern, die etwas über ihr Leben wissen wollen und wie es im Zweiten Weltkrieg war.“ István, der nicht weniger beeindruckt wirkt, hat etwas anderes mitgenommen: „Wenn ich ein großes Problem habe, dann gebe ich nicht auf, sondern kämpfe darum, am Leben zu bleiben.“

Leslie Schwartz ist für den Winter wieder nach New York zurückgekehrt. Natürlich hat er seinen Freunden im ungarischen Klub erzählt, wie es war bei seiner Rückkehr. Und wie haben sie reagiert? „Als ich erzählte, wie mich die Schüler empfangen haben, haben sie mich beglückwünscht. Vor Jahren hätten sie mich noch gekreuzigt.“

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