Gleich auf dem Umschlag fragt Janke: „Realpolitiker oder Populist? Dämon oder Held einer ganzen Nation?“, um gleich hinterher zu schieben: „Viktor Orbánist ein Staatsmann ganz anderer Art (…) Orbán nennt die Dinge beim Namen.“ Und er erklärt den Buchtitel: Orbán sei außer Politik Familie und Fußball wichtig; er sei ein „Mann des Kampfes“, ein „Stürmer auf dem Sportplatz, im Wahlkampf, im politischen Tagesgeschäft.“

In 25 Kapiteln führt der Autor durch Orbáns Leben: vom Dorffußball und dörfischen Leben, Militärzeit, Bibó-Studentenwohnheim, erste politische Aktivitäten an der Hochschule bis zur Bildung des Fidesz, dessen Parlamentseinzug, die christlich-konservative Umorientierung der einst liberalen Jugendpartei, Wahlsiege und -niederlage, Duelle gegen Ferenc Gyurcsány, die Rolle der Medien hin zu seinem heutigen Europa- und Ungarnbild. Gleich in der Einleitung wird der Grund der Begeisterung der Polen für den ungarischen Politiker erklärt: Orbáns mutige Rede von1989, inder er den Abzug der Sowjet-Truppen aus Ungarn forderte, beeindruckte die polnischen Beobachter tief. Offenbar so tief, dass der bekannte Journalist Janke von Anfang an nur allzu wohlwollend gegenüber seinem Protagonisten ist („Und schön der Reihe nach besiegte er [Orbán] alle [politischen Gegner; Anm.]“), „Millionen“ würden ihn anbeten, „Hunderttausende“ aus ganzem Herzen hassen.

Rebellischer Antikommunist

Zwischen den Lobeszeilen von Janke scheint Orbáns Faible, ja Sucht nach Fußball heraus: während wichtiger Sitzungen und sogar im Europaparlament muss er auf dem Laufenden bleiben, lässt sich daher pausenlos von seinen Beratern informieren. Eine Regierungssitzung kann auch einmal verschoben werden, wenn ein interessantes Spiel kommt – eigentlich ein kleiner Skandal, doch Janke nimmt dies kommentarlos hin. Stattdessen schwärmt er von dem von der Feldarbeit geprägten Felcsúter Dorfjungen, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Der Rebell ging keiner Prügelei aus dem Weg und flog deswegen sogar später vom Internat. Früh bildete sich in ihm, angeblich ohne Einfluss der Eltern, die antikommunistische Haltung heran, die prägend für das ganze politische Leben Orbáns werden sollte.

Während der Armeezeit sollen Orbán und sein damaliger bester Freund, Gábor Fodor (heute Vorsitzender der oppositionellen Liberalen-Partei und nicht nur ideologisch weit von Orbán entfernt), „umgepolt“ werden, doch dies gelang nicht, die beiden überstehen geschickt ihre ersten Kadergespräche. Stattdessen gründen sie an der Universität auf Anraten eines polnischen Professors in ihrem Studentenwohnheim die Fidesz-Partei, die von Anfang an auf Provokation des ungarischen Staates setzte. Orbán war dabei von Beginn an die treibende Kraft, nicht nur wegen seiner Rede, die ihm auch im Ausland Bekanntheit verschaffte, sondern auch wegen seinem Engagement, etwa bei den intensiven Wahlkampftouren anlässlich Ungarns ersten freien Wahlen 1990. Bei diesen erreichte der Fidesz gleich 9 Prozent, der junge Politiker wurde dafür mit dem Parteivorsitz belohnt. Und diesen nutzte Orbán, um mit dem Fidesz frech die Grenzen auszutesten, wie weit die Partei gegenüber dem Staat gehen konnte: Kritik an der Kirche und der älteren, teils sozialistischen Generation gehörten ebenso dazu wie unverschämtes Verhalten im Parlament – angesichts des heute christlich-konservativen Orbáns kaum vorstellbar. Die spätere immer stärkere christliche Umorientierung erfolgte auf Einfluss seiner tiefgläubigen Frau Anikó Lévai und des befreundeten Baptistenpfarrers sowie heutigen Ministers Zoltán Balog. Der tiefe Respekt vor Papst Johannes Paul II. spielte auch eine Rolle, doch auch die Suche des Fidesz nach weiteren Verbündeten, die sie dann in den Kirchen erkannten, um sich von der damaligen Liberalen-Partei SZDSZ abzugrenzen. Dass er begann, auf immer mehr politische Fragen christliche Antworten zu geben, erklärt Janke einfach mit der persönlichen Hinwendung Orbáns zum Christentum – wobei machtpolitisches Taktieren ebenso ausschlaggebend gewesen sein dürfte.

„Böse Linke“

Orbán thematisierte immer wieder, dass der Kommunismus in Ungarn nie richtig verarbeitet wurde. Innerhalb der in Liberale und Konservative gespaltenen Opposition erkannte er bei Letzteren seine Chance zum Kampf gegen den Kommunismus. Die deswegen folgenden späteren Parteiduelle gegen den sich auch wegen dem christlichen Einfluss im Fidesz distanzierenden Fodor prägten Orbáns Führungspersönlichkeit, er begann langsam mit der Machtkonzentration innerhalb der Partei auf sich. Diesen Zug des Machthungers, der heute als Regierungschef noch offensichtlicher ist, kommentiert Janke auch nicht, dabei ist er einer der entscheidendsten Charakterzüge des Fidesz-Vorsitzenden, ja der heutigen Politik Ungarns.

Nach dem Wahlsieg 1998 wollte der Fidesz viel umsetzen, Orbán trat laut Buch sogar deswegen den Parteivorsitz an den heutigen Parlamentspräsidenten László Kövér ab, um sich den vielen Projekten widmen zu können. Doch die „böse linke Presse“, wie es angedeutet wird, war skeptisch und traktierte Orbán, sodass dieser auch die Pressearbeit seiner Partei stärkte, um den Medien seine Themen aufzuzwingen. Das heute noch aktuelle wöchentliche Radiointerview beim staatlichen Kossuth Rádió sowie die jährliche Rede zur Lage der Nation wurden eingeführt. Dennoch stand er wegen seinen Reformen, seiner Starrköpfigkeit und der nationalen Zuwendung bei den linken und liberalen Medien in der Kritik, genau wie heute. Etwa bei den Konflikten mit dem Regierungspartner, der Kleinwirte-Partei wegen derer Korruptionsskandale, die schonlänger schwelten; Janke erklärt hierzu: „Orbán schürt gerne und gezielt Konflikte mit politischen Gegnern, um die Situation unter Kontrolle zu kriegen. Daher bestand damals schon das heutige Bild von ihm in den Medien als Diktator.“ Das Buch, in dem – ganz nach Regierungstenor – auffällig oft den Sozialisten die Schuld für etwas zugeschoben wird, wird nicht viel zu einer Korrektur dieses Bildes beitragen können.

Orbán, der Machtmensch

Auf seine Wahlniederlage 2002 reagierte der Felcsúter beinahe wie ein beleidigter Junge (er verschwand etwa erst einmal wortlos für zwei Monate zur Fußball-WM nach Japan/Südkorea), was laut Meinung vieler ebenfalls bis heute Einfluss auf sein politisches Handeln nimmt (etwa die geänderten Wahlgesetze, die eine ähnliche Fidesz-Niederlage nahezu unmöglich machen) – bei Janke mal wieder kaum eine Bemerkung wert. Dagegen schreibt er schön, dass nach Gyurcsánys Rede von Öszöd 2006 Orbán – seine Chance zum Angriff nutzend und die Demonstranten gegen Gyurcsány anstachelnd – die Stimmung im Land angeblich nicht aufheizen wollte; zwar Gyurcsány „im rechten Moment attackieren“, aber „das Land nicht ins Chaos stürzen.“ Tatsächlich nahm der Fidesz-Politiker aber genau dies in Kauf, als er die Menschen zum täglichen Protest vor dem Parlament aufforderte, bis die Regierung zurücktritt.

Das umstrittene Mediengesetz des 2010 wieder an die Macht gekommenen Fidesz bezeichnet Janke als „idealen Vorwand für Angriffe gegnerischer Medien und Politiker, die diese Revolution nicht hinnahmen.“ Mit solchen Tönen schlägt sich der Journalist wieder so deutlich auf die Seite Orbáns, dass er hilft, dem Leser dasselbe öffentliche Bild zu vermitteln, das der Fidesz-Vorsitzende auch von sich sehen will: als „Hüter der Nation“, der den heimtückischen, ungarnkritischen Feinden gegenübersteht. Diese Vereinnahmung des Autors taucht immer wieder im Werk auf, teils dermaßen aufdringlich, dass es einem fast das Lesen verdirbt. Interessante Informationen – etwa, dass der Machtmensch Orbán Minister wie „Schachfiguren“ verschiebt und mit seinen Untergebenen „Spiele“ treibe, es liebe, „sie in eine Wettbewerbssituation zu bringen“ – erwähnt Janke höchstens beiläufig, ohne deren Bedeutung zu reflektieren (etwa, welchen Charakterzug dieses Verhalten offenbart).

Aufgrund späterer Ereignisse wollte er noch zwei weitere kritische Kapitel anschließen, erklärte Janke bei der Präsentation der deutschen Ausgabe bei der Buchmesse in Leipzig im März. Eines zur verdächtigen Geldanhäufung über staatliche Aufträge im Unternehmensimperium des Orbán-Weggefährten Lajos Simicska und eines zum Kredit-Deal mit Russland zum Ausbau des Atomkraftwerks Paks. Doch hierfür habe die Zeit gefehlt, so Janke. Schade, muss man sagen, denn so bleibt das Buch ein eher einseitiges, unreflektiertes Werk, das wohl nur diejenigen lockt, die sowieso schon Orbán-Fans sind: ein Stück Jubelliteratur.

Igor Janke: „Viktor Orbán. Ein Stürmer in der Politik“ (2014, Schenk Verlag, Passau)