Hirschbirnbäume im Naturpark Pöllauer Tal…natürlich im Obst-, Wein- und Blumengarten, aber auch im Vitamin- oder Xundgarten, auf Wanderungen durch die thematische Region. In jeder Jahreszeit kann der gestresste Mittel-, West-, Osteuropäer und alle, die sich nach Ruhe und Kräftesammeln sehnen, in den Garten eintauchen. Auch im Winter? Selbstverständlich, denn dann wird z.B. das, was von Frühjahr bis Herbst gediehen ist, verzehrt.

Meine Wenigkeit fasst die Oststeiermark in den folgenden Zeilen allerdings unter dem Motto Cittá-Slow zusammen, wobei ich alle anderen Sehenswürdigkeiten, von der österreichisch-ungarischen Wanderroute allpannonia bis zum Wallfahrtsort Mariazell, von Graz bis zur Barockkirche in Anger, wo mit einem Festkonzert Béla Bartóks gedacht wurde, der vor genau 100 Jahren ein paar Wochen Sommerfrische in diesem beschaulichen Luftkurort verbrachte, mir für ein anderes Mal aufspare.

Schloss HartbergENTSCHLEUNIGEN. Vor ein paar Jahren wurde bei Neapel die Bewegung Cittá-Slow gestartet. Tja, eine gewöhnungsbedürftige Wortkombination, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, um sich damit anzufreunden. Dann klappt es aber: 117 Städte weltweit haben sich der Bewegung Cittá-Slow bereits angeschlossen, drei davon in Österreich und eine davon ist Hartberg in der Oststeiermark; ein malerisches, ruhiges Städtchen mit 7–8000 Einwohnern, ein im wahren Wortsinn langsames Städtchen, das den Kriterien der Bewegung entspricht, so, ohne alle aufzuzählen, Umweltbewusstsein und die entsprechende Umweltpolitik, Konzentration auf Regionalität, Produktion und Verbrauch natürlich erzeugter, umweltverträglicher Lebensmittel. Der Spaziergang durch die Altstadt, den Schlossgarten (siehe Photo), z.B. mit einer Mittagspause im Schlossrestaurant, wo die Spezialitäten der Region serviert werden, lohnt sich bestimmt. (Von Ernährungsbewusstsein keine Spur: Steirischer Bauernschmaus, konkret das Beste vom Pöllauer Ochsen und steirischen Hausschwein. Das sind die Filets. Dazu Bauernkäse, Erdäpfelkrapfen, Gemüse-Vulkano-Speck und, und, und…Einmal darf man auch sündigen.)

ENTSCHLEUNIGEN. Das kann und muss der Besucher auch in der Marktgemeinde Pöllau und Umgebung. Hat man die Sehenswürdigkeiten der Hochkultur intus, die Stiftskirche, den ’Steirischen Petersdom’ und die hoch oben auf dem Berg thronende Wallfahrtskirche Pöllauberg, dann nichts wie entschleunigen im Naturpark Pöllauer Tal (mit 180 km Wanderwegen). Einer davon ist der Hirschbirnwanderweg. Die Hirschbirne, eine urwüchsige steirische Sorte, wächst frei auf Wiesen und Hügeln und kann, ihr Name besagt es, erst spät im Herbst geerntet werden. Hirsch kommt nämlich von Herbst, d.h. dialektal von Hiascht (siehe Photo). Diese Birne roh zu verzehren, davon wird abgeraten, trotzdem kann die saure, harte Frucht zu edlem Hirschbirnsaft, Edelbränden, Essig und Kletzen, d.h. Dörrbirnen verarbeitet werden.

Ölmühle FandlerENTSCHLEUNIGEN. Das absolute Muss ist der Naturpark Almenland. Von Ungarn aus gesehen ist die oststeirische Almenregion die erste Alpenhöhe; und umgekehrt: von den Almen aus lasse man den Blick, bei Schönwetter und klarer Sicht, bis weit in die pannonische Ebene schweifen. Ökonomisch ist das Almenland für seine Forst-, Holzwirtschaft, Rinderzucht und Fleischwirtschaft berühmt. Ein Blick aufs Programmangebot sowie die Speisekarte in Almhütten-Restaurants genügt, um sich davon zu überzeugen und alle guten Vorsätze, was schlank und rank betrifft, zu vergessen. Damit das deftige Essen auch dem empfindlichen urbanen Magen entspreche, beginnt man mit dem für die Almregion typischen Stamperl Lärcherl oder Zirberl, dann folgt alles andere, z.B. die einmalige Rindsuppe mit Zam’glegtem Knödel; und der besteht, welch Sünde!, aus Grammeln im Nudelteig.

Moorsee TeichalmseeTouristisch kommt der Wanderer voll und ganz auf seine Kosten; beim bequemen Spaziergang rund um den Teichalmsee (siehe Photo) und über den Moorlehrpfad, etwas anstrengender durch die längste Klamm Österreichs, die Raabklamm bis zur Quelle der Raab am Fuße des über 1500 m hohen Osser. In den Almhütten, z.B. der Stoankoglhütte bettet der müde Wanderer seine ebenso müden Glieder bescheiden auf eine Matratze im Matratzenlager (für bescheidene 12–15 Euro), um die Wanderung am folgenden Tag zur nächsten Almhütte fortzusetzen. Ziel der Wanderung kann aber auch die Almimkerei Karl Kreiners oder die runde 85 Jahre alte Ölmühle Fandler sein (siehe Photo). Während man in der Imkerei alles über die Geschichte der Bienen und des Honigs erfährt und mit dem Götterwein Met Bekanntschaft macht, als Souvenir z.B. Löwenzahnhonig kauft, taucht man bei Fandler die Weißbrotwürfel in teure kaltgepresste Öle, in Bucheckernöl, Macadamnuss-, Mandel- und Mohnöl, in das an ungesättigten Omega-3-Fettsäuren besonders reiche Leinsamen- (60%), Wallnuss- und Hanföl, in mehr als 30 Classic- und Bio-Ölsorten. „Pro Tag werden innerhalb von 2 Schichten ca. 300 Liter Leinöl und 800 Liter Kürbiskernöl gepresst. Diese ’langsame Produktion’ im Sinne des Slow-Food-Gedankens – passt hervorragend zum Motto: entschleunigen, nicht nur in der Cittá-Slow – verleiht den Ölen den besonderen Wert”, lese ich u.a. im Firmenprospekt „85 Jahre Vollkommenheit”.

Sollte das des Guten doch zuviel gewesen sein? Dann nichts wie in den Xundgarten von Gabriele Reiterer, wo in Squarebeeten gegen jedes Wehwehchen, zum Verwöhnen und Wohlfühlen ein Mittelchen wächst. Die Kenntnisse von der Heilkraft der Natur lässt man im Hexenhäuschen auf sich wirken, entschleunigt mit einem Becher kaltem Brennessel- oder Minzesaft. So könnte auch ich mir, statt nur einer Stippvisite,  Sommerfrische vorstellen. Entschleunigt.

Feistritztal-BummelbahnXundgartenZu guter Letzt sei die absolut entschleunigte Feistritztalbahn erwähnt, die runde 100 Jahre alt ist. Wie die meisten Schmalspurbahnen wurde sie als Transportmittel in der Forstwirtschaft gebaut und dient heutzutage dem Tourismus. Die von einer Dampflok gezogenen Oldtimerwagen bummeln langsam und beschaulich über Brücken und Viadukte, von Weiz über Anger nach Birkfeld. Anlässlich der Béla-Bartók-Hommage gab’s eine Sonderfahrt, die Jubiläumssaison beginnt zu Pfingsten. Das Photo zeigt die Bummelbahn, die gerade über den berühmten Viadukt schnauft.