Zwei Beispiele für den neuen Trend, ganz anders zu reisen. Pünktlich zur weltgrößten Tourismus-Messe, der ITB Berlin, erscheint dazu die passende Zeitschrift: „Queer Travel” heißt das erste Reisemagazin für Schule und Lesben in Deutschland.

Ab dem 9. März 2011 treffen sich 11.000 Reiseprofis und Urlaubsanbieter aus 180 Ländern in den 26 Messehallen rund um den Funkturm. Zum ersten Mal ist „Gay & Lesbian Travel” ein offizielles Segment der Tourismusmesse, so wie zum Beispiel Wellness  oder Kultur. Im „Pink Pavillon” präsentieren sich Städte und Länder, die Schwule und Lesben als attraktive Zielgruppe entdeckt haben. „Shopping in Zürich, Party in Tel Aviv, Skifahren in Arosa, auf den Spuren der Maharadschas in Indien – die Palette der Angebote ist so bunt wie der Regenbogen, der weltweit als Signal der Community gilt”,stellt „Queer Travel”-Redakteurin Manuela Kay fest.

Immer mehr Hotels, Autovermieter oder Airlines nennen sich „gayfriendly”. Gemeint ist damit: Hier können Männer mit Männern und Frauen mit Frauen stressfrei als Paar auftreten. Eine Strategie, die sich lohnt. Denn 80 Prozent der Schwulen und Lesben unternehmen mindestens zwei Urlaubsreisen pro Jahr, 20 Prozent sogar fünf und mehr Reisen.
Das ergab eine Studie des Jackwerth Verlags, in dem „Queer Travel” in einer Auflage von 100.000 Exemplaren bundesweit erscheint. Das Berliner Unternehmen ist Deutschlands Marktführer im Bereich schwullesbischer Medien und legt „Queer Travel” seinen Zeitschriften L-Mag, Du&Ich und Siegessäule kostenlos bei. Die Premieren-Ausgabe gibt es außerdem in Reisebüros, auf der ITB Berlin sowie gratis zum Download unter www.queer-travel.net .
New York und San Francisco sind nach Recherche von „Queer Travel” die beiden Top-Destinationen für Schwule und Lesben. Auf Rang drei aber scheiden sich die Geister: Während Gran Canaria die Lieblingsinsel der Männer ist, fahren die Frauen – nach Lesbos.

Bewegung und Stillstand – Reiseland Polen


Polen ist das diesjährige Partnerland der ITB. Bis zum Europride 2010 galt Deutschlands Nachbarland nicht unbedingt als homosexuellenfreundlich – dies ändert sich aber gerade. QUEER TRAVEL fragt: Was ist von unserem Nachbarland als Reiseziel für Lesben, Schwule oder Transsexuelle zu halten?

Polen also! Deutschlands Nachbar ist das diesjährige Partnerland der weltgrößten Tourismusmesse ITB. Die LGBTQ-Szene (LGBTQ: englisch für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Queers) wird als zahlungskräftiges und reisefreudiges Zielpublikum von der internationalen Tourismusbranche erkannt. Wie steht es aber mit der Präsenz und Lebenssituation von Homosexuellen in Polen? Welche Reiseziele sind empfehlenswert? Wo sollte sich eine Lesbe als solche nicht präsentieren? Und wo kann ein Schwuler seinen Partner in der Öffentlichkeit küssen?

Rückblick: Europride in Warschau, Juli 2010 

Autorin: Judith Czakert – In der polnischen Hauptstadt Warschau findet der Europride statt, eine der größten Veranstaltungen für Lesben und Schwule. Das Motto – „Freiheit, Gleichheit, Toleranz“ – ist für viele osteuropäische Staaten mehr als ein griffiger Slogan. Ernsthafter politischer Wille und Einsatz für Akzeptanz von Homosexuellen im Alltag sind damit verbunden. Für osteuropäische Länder setzt Polen mit dem Europride ein Zeichen der Hoffnung auf eine ähnlich positive Entwicklung. 

Noch vor einigen Jahren wäre eine Veranstaltung solcher Größenordnung von und für LGBTQ auch in Polen undenkbar gewesen. 2004 und 2005 verbot die damalige Regierung die Parada Rownosci, die Gleichheitsparade, in Warschau. Sie begründete ihr Vorgehen mit Angst vor gewalttätigen Gegendemonstrationen und mit moralischen Bedenken gegen Homosexuelle. Einige mutige Aktivisten und Aktivistinnen wagten sich im Sommer 2005 dennoch auf die Straße. Sie demonstrierten für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz in der polnischen Gesellschaft. Damit nahm die rasante Weiterentwicklung einer politisch tatkräftigen LGBTQ-Szene in Polen ihren Lauf. In großen Städten wie Warschau, Krakau und Breslau etablierten sich neue Lokalitäten für Schwule und Lesben. Organisationen und Kampagnen gründeten sich, um für mehr Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen in Polen zu kämpfen. Sie schufen die Voraussetzungen dafür, dass der Europride 2010 in Warschau stattfinden konnte. Mit dem Großereignis wurde erstmalig in Polen auch die Zielgruppe Homosexuelle als zahlungskräftiges Reisepublikum erkannt und beworben. 

Warschau – polnische Queer-Metropole

Bereits im Vorfeld des Europride präsentierte sich Polen als weltoffenes, tolerantes und gastfreundliches Reiseland – auch und gerade für Homosexuelle. Das Polnische Fremdenverkehrsamt beschreibt auf seiner Homepage eine allgemeine Tendenz zu mehr Offenheit gegenüber „sexuellen Minderheiten“ im Land: „Polen zeigt sich gegenüber sexuellen Minderheiten zunehmend toleranter. Dies ist besonders bei jüngeren Generationen, die in großen Städten leben, zu beobachten.“ Und vor allem in Warschau. Warschau ist nicht nur die Hauptstadt Polens, sondern auch Metropole einer stetig wachsenden lesbischen und schwulen Community. Anlass genug für Lambda Warszawa, die Wurzeln der LGBTQ-Bewegung in Warschau unter historischen und gegenwärtigen, kulturellen und sozialen Aspekten zu untersuchen. Die Ergebnisse finden sich in der sehr ausführlichen, empfehlenswerten Broschüre: „Queer Warsaw. Historical and Cultural Guide to Warsaw“. Yga Kostrzewa von Lambda Warszawa ist eine der Autorinnen und von Polen als attraktivem Reiseziel überzeugt: „Obwohl es in Polen im Gegensatz zu westeuropäischen Ländern recht wenig Cafés, Bars und Clubs für Lesben und Schwule gibt, ist es einfach ein wunderschönes Land. Und dazu noch relativ günstig. Außerdem sind wir in Polen sehr freundlich und es gibt jedes Jahr CSDs in einigen Städten. Langweilig ist es auf jeden Fall nicht!“

Stadt-Land-Gefälle

Nicht nur bei jungen Menschen in den Großstädten des Landes, so die Aussage des Polnischen Fremdenverkehrsamtes, ist eine positive Entwicklung zu bemerken: „Viele andere Plätze zeigen sich schwulenfreundlich. Die Situation ist in Krakau, Lodz, Wroclaw (Breslau), Poznan (Posen), Kattowitz und im Ballungsgebiet Gdansk ähnlich.“ 

Viele andere Plätze? In Kleinstädten Polens, vor allem in ländlichen Regionen, kann von „Schwulenfreundlichkeit“ oft keine Rede sein – und überhaupt: Was ist eigentlich mit Lesben und Transsexuellen? Natürlich hat das Thema mittlerweile auch fernab liegende Regionen Polens erreicht. Auch dort sind Homosexuelle zum Teil akzeptiert. Leider nur zu einem sehr geringen Teil, der nicht die Regel, sondern die Ausnahme darstellt. Obwohl die Polnische Verfassung allen Bürgern und Bürgerinnen Gleichheit vor dem Gesetz garantiert und Diskriminierung verbietet, kann in der Praxis davon oft keine Rede sein. Gerade in ländlichen, national-konservativen, katholisch geprägten Gegenden. Viele Lesben und Schwule verstecken sich dort im Alltag. Die wenigen offen lebenden haben oft Angst vor Diskriminierung oder verbalen und körperlichen Übergriffen. Kampagnen und Gruppen wie „Milosc nie wyklucza“ oder Lambda Warsawa sind sich der Problematik bewusst und setzen sich seit Jahren aktiv für Aufklärung und Toleranz, für mehr Sichtbarkeit, für die formelle Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sowie für das Adoptionsrecht ein. Allgemein gilt: Wer Polen bereisen möchte – und Polen ist in der Tat ein sehr empfehlenswertes Reiseland! –, sollte sich vorab über die Angebote für LGBTQ informieren. Im Zweifelsfall hilft es, mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen und erst nach kritischer Überprüfung der Umstände zu entscheiden, ob es ratsam ist, sich offen als Lesbe oder als Schwuler zu verhalten oder lieber Vorsicht walten zu lassen.

Kontakte und Informationen

Wer nach Polen reist und spezielle Informationen, Tipps und Hinweise von und für LGBTQ sucht, muss selbst aktiv werden. Immerhin: Ein Anruf von QUEER TRAVEL beim Polnischen Fremdenverkehrsamt bringt den beruhigenden Hinweis, dass es in großen Städten Clubs, Einrichtungen und Organisationen für Lesben und Schwule gibt und Homosexuelle selbstverständlich wie alle anderen Reisenden behandelt werden. Da diese Grundinformation den wenigsten ausreichen wird, hier eine kleine Liste nützlicher Internetadressen: 

Allgemeine touristische Infos

Warschau

Reiseservice für Schwule und Lesben in Krakau und Südpolen 

Nachrichten, Informationen, Kontakte und Link zu „Friends Guest­houses“, die Unterbringungen für LGBTQ in Warschau anbieten

für Warschau 

Informationen für Krakau 

Übersicht von Übernachtungsmöglichkeiten u. a. in Warschau und Krakau, die von Schwulen/Lesben betrieben werden oder zumindest als gay friendly gelten: www.gaystay.net 

Broschüre (nur auf Englisch): „Queer Warsaw. Historical and Cultural Guide to Warsaw” (kann für 40 zl, circa 10 Euro, bestellt werden)

Diese Adressen sind eine schöne erste Anlaufstelle für den Stadturlaub in Warschau. Hier gibt es eine hohe lesbischschwule Präsenz, häufig liegen Magazine oder Flyer für Veranstaltungen aus, Fragen nach Partys oder netten Lokalitäten fürLesben/Schwule werden meist fachkundig und gerne beantwortet:

Café Bastylia

Chlodna 25 

Club Rasko 

Club Plan B.