Wo heute Hochhäuser und nicht weit entfernt auch ein Fußballstadion stehen, sind am Ende des Zweiten Weltkrieges unfassbare Verbrechen verübt worden – Graz-Liebenau war einst Standort des berüchtigten NS-Lagers Nummer fünf.
Zu Fuß von der Grenze nach Graz
Besagtes Lager war im gesamten Lagernetz der Landeshauptstadt das größte. Fünftausend Menschen, vor allem ungarische Juden, waren noch in den letzten Wochen des Krieges dorthin getrieben worden. Es waren Zwangsarbeiter, die zuvor am sogenannten „Ostwall“ zu Schanzarbeiten eingesetzt waren. Zu Fuß und ohne ausreichende Verpflegung mussten die Menschen von der ungarischen Grenze nach Graz marschieren.

Massenmord nach Selektion
„Hier in Graz wurden sie zwar verpflegt, aber obwohl die Lager leerstanden, mussten die Menschen nach wie vor im Freien schlafen. Manche waren vom Marsch so erschöpft, dass es schien, dass sie nicht mehr weitermarschieren konnten“, sagt Eleonore Lappin-Eppel vom Centrum für jüdische Studien.
Das Lager Liebenau war für viele damit letzte Station noch vor dem KZ Mauthausen, denn es wurde selektiert: „Man hat diejenigen Männer und Frauen, von denen man annahm, dass sie nicht mehr weiter marschieren konnten, im Lager zurück behalten und sie dann nachher ermordet.“
Genaue Opferzahlen gibt es nicht, Zeitungsberichte vom Prozess gegen den Lagerleiter im Jahr 1947 schreiben von 30 bis 200 Ermordeten. Später tatsächlich exhumiert wurden 53 Opfer, darunter auch die Leichen dreier Babies. Weitere Grabstätten werden aber vermutet.
Erstmals Gedenkfeier für Opfer
Erstmals seit dem Verbrechen hat es am Montag nun eine Gedenkfeier für die Opfer des Liebenauer Lagers gegeben. Initiiert von Rainer Possert und Gustav Mittelbach, sie beide betreiben bereits seit 30 Jahren eine gemeinsame Praxis im sozialmedizinischen Zentrum Liebenau.
Für sie ist das Aufarbeiten dieses dunklen Kapitels eine Selbstverständlichkeit: „Es ist eine Frage der Anständigkeit, dass man in dieser Stadt, die ja auch die Stadt der Volkserhebung war, endlich den Opfern die Referenz erweist und auch die Möglichkeit gibt, es zu bedauern, was die Väter-Generation da angerichtet hat.“
Heute erinnert in Liebenau nichts mehr an die Massenmorde zur NS-Zeit
Wunsch nach eigener Grabstätte
Als Präsident der isrealitischen Kultusgemeinde in Graz, wünscht sich Heinz Anderwald in einem weiteren Schritt auch die Errichtung einer Gedänkstätte in Liebenau: „Wir haben in diesem Lande eine Menge an Kriegerdenkmälern, aber durch Kriegerdenkmäler wird der Millionen Opfer, die im Holocaust ermordet wurden, nicht gedacht. Daher ist es wichtig ein Zeichen des Gedenkens auch für diese Opfer zu setzen, denn eine Zukunft braucht immer auch eine Erinnerung.“
Unsere unvergesslichen Mitbürger
Prof. Dr. Szabolcs Szita DSc., Direktor des Budapester Holocaust-Gedenkzentrums hat anlässlich des Erinnerungsfeiers der ungarischen Mitbürger, Zwangsarbeiter der ehemaligen Liebenauer NS-Lager mit bewegenden Worten gedacht.
Sehr geehrte Überlebende, Damen und Herren, liebe junge Freunde!
Es ist mir eine große Ehre heute am Jom haScho’a mit Ihnen hier sein zu können und gemeinsam jenen Menschen zu gedenken, welche vor gut 70 Jahren Opfer der grauenvollen Verbrechen des Nazi-Regimes geworden sind. Wir haben uns insbesondere heute hier versammelt um an das Schicksal jener Zwangsarbeiter zu erinnern, die in der Kaserne Wetzelsdorf, hier in Liebenau, in den letzten Monaten des Krieges durch die Hand von SS-Soldaten ihr Leben lassen mussten.
Doch gilt unser Gedenken genauso allen anderen Opfern der verbrecherischen Ideologie des Nationalsozialismus. Allen Menschen, die um ihre materielle, seelische und physische Existenz gebracht und ihrer Würde beraubt wurden, der Verfolgten, Gemarterten, Gedemütigten, Ermordeten: Wir gedenken der europäischen Juden, Sinti und Roma, allen restlichen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, der zu „Untermenschen“ degradierten slawischen Völker, dem Hungertod preisgegebenen Kriegsgefangenen, der Opfer staatlicher Euthanasie und der Homosexuellen. Wir gedenken auch aller, die sich aus religiösen, politischen oder schlicht menschlichen Beweggründen dem Terror widersetzten und deswegen der totalitären Staatsgewalt zum Opfer fielen. Wir gedenken somit Millionen und Abermillionen Toten.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Gedenken bedeutet auch, sich zu erinnern. Und Erinnerung ist schmerzhaft. Vor allem dann, wenn es gilt sich daran zu erinnern, zu welchen Taten von unfassbarer Grausamkeit und Rohheit der Mensch fähig ist. Und welch unvorstellbares Leid Menschen durch Menschen zugefügt wurde. Umso schmerzhafter wird das Erinnern ebenfalls, wenn man, wie einige unter Ihnen, selber Zeuge oder sogar Opfer dieser Verbrechen war. Oder wenn es sich bei jenen Menschen, die Opfer dieses Wahnsinns wurden, um Familienmitglieder, Bekannte oder sonst wie Ihnen nahestehende Personen handelt. Ich verstehe, dass es schmerzhaft ist und teile diesen, ihren Schmerz.
Wir müssen uns dennoch, solange wir leben, erinnern.
Denn es ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer heutigen Zeit, jene Menschen, die unter der Schreckensherrschaft der Nazis unvorstellbares Leid ertragen mussten, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn es verständlich ist, dass viele unter Ihnen die Erinnerung an diese finstere Zeit zu verdrängen suchen, um keinen Schmerz und keinen Kummer mehr zu fühlen, darf niemals der Schleier des Vergessens über sie gelegt werden. Das sind wir diesen Menschen schuldig. Ihr Schicksal muss für immer unvergessen bleiben.
Es ist unsere Aufgabe den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus ein unübersehbares Mahnmal zu setzen, dass sowohl uns, als auch sämtliche kommende Generationen immer wieder daran erinnern soll, welche ungeheuerlichen Gräuel die Rassenmythologie und der Faschismus über unsere Welt gebracht haben. Dieses Mahnmal soll uns an die tränenreichen, blutigen Kriegsjahre, an das Meer des Leids erinnern. An die hinterhältige und bereitwillige Zusammenarbeit der sündigen, von Hass besessenen Gesetzgeber. An Beamte, Täter am Schreibtisch, und neben ihnen an die von den unterstützenden Schriftgelehrten angestifteten und befürworteten Gräueltaten. Daran, wie sie die europäische Kultur und Moral mit Füßen getreten und jegliche Menschlichkeit von sich warfen.
Ich weiß wie schmerzhaft es ist, sich diese Bilder täglich neu vor Auge zu führen, oder für einige unter Ihnen, diese Erinnerungen immer wieder aufzufrischen und neu durchleben zu müssen. Doch es ist die einzige Möglichkeit, um sicher zu gehen, dass diese Erinnerungen und Bilder für immer der Vergangenheit angehören. Der einzige Weg, dass dieses dunkelste Kapitel unserer Geschichte sich niemals wiederholen kann.
Nur so können wir verhindern, dass die Saat des Faschismus und des Hasses wieder auf fruchtbaren Boden fallen kann. Nur durch ständiges Erinnern an die Verbrechen und unaufhörliches Lernen aus den Fehlern dieser Zeit können wir dieses Ziel erreichen.
Wir erinnern nämlich nicht nur, um unseren Mitbürgern, dem Grauen und dem Leid zu gedenken. Wir erinnern auch deshalb, weil wir aus der Erinnerung lernen wollen. Wir wollen aus den Umständen und den Fehlern lernen, die den Weg dafür geebnet haben, was geschehen ist, sodass wir niemals wieder auf denselben Weg geraten können.
Und einer der wichtigsten Lehren, die wir aus dem Erinnern ziehen ist jene:
Diese Gräueltaten konnte nur deshalb passieren, weil neben den Organisatoren, den Tätern und ihren ausgelieferten, lahmgelegten Opfern, auch eine riesige passive Masse existierte. Sie ließen es zu, dass ihre Mitbürger aus ihren Häusern gezerrt, gedemütigt und in den Tod verschleppt wurden. Viele wendeten mit Abscheu ihren Blick von dem Leid ab, dessen Zeuge sie geworden sind und versuchten diese Bilder zu verdrängen. Doch sie sahen keine Verantwortung für das Schicksal ihrer Mitbürger. Diese Masse hat von 1938 an vielerorts nur zugeschaut und die Schande und Schuld ertragen.
Als gegen Ende des Krieges die Todesmärsche durch die Dörfer zogen, wurde diesen Menschen ein Grauen erregender Teil dessen vor Augen geführt, was sie geschehen haben lassen. Sie haben das Schicksal ihrer Mitbürger einzig in die mordgierigen Hände der Nazis gelegt und so ihren Teil dazu beigetragen, dass die Maschinerie des Todes funktionieren konnte. Wir haben uns nun heute hier versammelt, um auch der Taten bzw. der Tatenlosigkeit dieser Menschen zu erinnern. Sie soll uns für ewig im Gedächtnis halten, dass jeder von uns einen Teil Verantwortung für das Schicksal seiner Mitbürger trägt.
Denn wer zulässt, dass sein Nachbar verschleppt wird und nicht hinterfragt, nicht protestiert, sondern zusieht oder einfach die Augen verschließt – der trägt auch Mitschuld am Tod seines Nachbarn.
Dasselbe gilt für den Beginn all dieser Grauen, dem Aufstieg des Nationalsozialismus.
Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan hat einmal im Hinblick auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gesagt: „Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“
Es muss uns bewusst sein, dass die Demokratie kein Geschenk ist, sondern das Resultat eines langen und opferreichen Kampfes. Und um sie zu erhalten muss sie täglich gestaltet, mit Leben erfüllt und auch verteidigt werden. Die Demokratie lebt vom öffentlichen Diskurs, vom Meinungsaustausch, von Aussage und Widerspruch. Sie lebt davon, dass die, die an den Hebeln der Macht sitzen, sich täglich vor ihrem Volk rechtfertigen müssen und ständig unter Beobachtung des öffentlichen Auges stehen.
Der Weg nach Auschwitz begann mit dem Verlust dieser Werte und der Zerstörung der Demokratie in den Wochen nach dem 30. Jänner 1933. Deshalb haben wir uns auch heute hier versammelt, um gemeinsam einen starken Willen zur Demokratie und ihrer Erhaltung zu bekunden. Ebenso wollen wir unseren Willen bestärken, alles zu tun, damit eine ähnliche menschengemachte, staatlich organisierte Katastrophe sich nie mehr ereignen kann.
Es sind unzählige Fehler, die den Weg der Menschheitsgeschichte vom Abstieg der Weimarer Republik, zur Machtübernahme der Nazis und in die Todeslager von Auschwitz, Mauthausen und Dachau geführt haben. Aus diesen Fehlern zu lernen, sehr geehrte Damen und Herren, ist eine der größten Herausforderungen, der wir uns stellen müssen. Es ist das Erbe, das uns von unserer gemeinsamen Geschichte aufgebürdet wurde. Und es ist ebenfalls die Aufgabe, der sich das HDKE in Budapest verschrieben hat. Wir arbeiten täglich daran, die Erinnerung an unsere ermordeten Mitbürger aufrecht zu erhalten und den Geist der Demokratie und der Menschlichkeit zu stärken. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, die von einem starken Gemeinschaftsgefühl und der Nächstenliebe geprägt ist.
In erster Linie kämpfen wir für eine Gesellschaft, die sich nicht vor ihrer Geschichte versteckt und die Erinnerungen verfälscht oder verdrängt. Sondern eine Gesellschaft, die mit ehrlichem Blick ihre Vergangenheit konfrontiert, ihren Teil der Verantwortung für die abscheulichen Verbrechen und Taten übernimmt und ihre Lehren daraus zieht.
Denn nur eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit ehrlich mit Gewissenhaftigkeit und Demut aufarbeitet, kann die Ursprünge und Wurzeln ihrer jetzigen Probleme verstehen und mit erhobenem Haupt in die Zukunft blicken.
Doch auch die neuen Generationen müssen einstehen, um das Erwecken von Hass, den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit definitiv und konsequent zu verurteilen – auf welchem Forum sie auch immer erscheinen sollen. Wir werden dem Opfer der in den Konzentrationslagern und Todesmärschen gedemütigten und umgebrachten Menschen erst dann würdig, wenn wir bekennen und verkünden, dass die Verfolgung aufgrund von Rasse, Religion, ethnischer oder politischer Zugehörigkeit einen dunklen Flecken in der neuzeitlichen Geschichte darstellt. Es ist ein Kummer und eine Schande, dass dies passieren konnte. Und gleichermaßen ist es bis heute eine Mahnung, dass dies niemals wiederholt werden darf.
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Interesse von uns allen sollte dieser Tag, der die wertvolle Erinnerung unserer deportierten, ermordeten Mitbürger birgt, nicht nur zum Tag der schmerzvollen Erinnerung, sondern auch zum Tag der Hoffnung werden. Damit wir an diesem Tage in Liebenau gemeinsam an die Kraft des nüchternen Zusammenhaltes vertrauen können.
Und genauso wie wir an die Rohheit und Bestialität der Täter, das unermessliche Leid der Opfer sowie die Passivität und Apathie der Masse erinnern, sollten wir auch an die Courage, Menschlichkeit und die Selbstlosigkeit der Helfer erinnern.
An jene Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, um das ihrer Mitbürger zu retten. Jene, die den Drohungen und Gefahren trotzten und vom Regime verfolgten Freunden, Bekannten oder auch völlig Fremden Unterschlupf boten und sie versorgten. Jene Menschen, die in einer Zeit des Mordens und des Hasses trotz allem nicht verrohten und Menschlichkeit sowie Courage zeigten.
Es gehört zu einer der wichtigsten Aufgaben des HDKE und der modernen Gedenkkultur neben der Erinnerung an Opfer und Täter auch die Erinnerung an die Helfer zu bewahren. Denn genauso wie uns die Taten der Mörder uns in die dunkelsten, schauerlichsten Tiefen des Menschen blicken lässt, sollen uns die Taten der Menschenretter und Helfer den Glauben an den Mut, die Selbstlosigkeit und die Kraft der Menschlichkeit schenken.
An dieser Stelle möchte ich eins der vielen Beispiele für eine solche Tat bringen. Eine Tat, die uns allen beweisen soll, dass die Menschlichkeit und der Mut selbst in finstersten Zeiten und unter höchster Gefahr nicht aufhören zu existieren. Dieses Geschehen trug sich vor gut 70 Jahren hier in der Steiermark zu. Und zwar in jener Zeit als die Todesmärsche durch die steirischen Dörfer zogen.
Als der steirische Arbeiter Josef Juwanschitz aus St. Peter sah, wie einer der traurigsten Züge wandelnder Skelette in Richtung Eisenerz nach Mauthausen an seinem Haus vorbeizog, wendete er nicht seinen Blick vor dem offensichtlichen Leid der Menschen ab. Stattdessen holte er Nahrungsmittel und gab sie den ausgehungerten Menschen. Dabei bemerkte er, dass zwei von ihnen zusammengebrochen waren. Er wusste, dass, wenn er sie liegen lassen würde, es den sicheren Tod für die beiden Zusammengebrochenen bedeuten würde. Doch wusste er auch, dass wenn er beim Versuch erwischt wurde, zwei Juden zu retten, auch sein Schicksal besiegelt wäre. Trotzdem eilte er nach Hause, rief seine Frau und schleppte mit ihrer Hilfe die zwei Bewegungsunfähigen zu einem Heuschober und in der Nacht in sein Haus. Als wäre diese Tat nicht schon gefährlich und bewundernswert genug, kam hinzu, dass zur gleichen Zeit im Erdgeschoss desselben Hauses eine SS-Mannschaft einquartiert war.
Doch tatsächlich hatten er und die beiden Geretteten Glück. In diesem Haus suchte niemand nach versteckten Juden. Sie waren den mörderischen Strapazen und dem unfassbaren Massaker am Präbichl nicht mehr ausgesetzt; sie sind gerettet worden.
Und zwar von einem vollkommen Fremden, der sein Leben für ihres riskierte.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Fälle wie diese gibt es zahlreiche. Natürlich in weitaus zu geringer Zahl, doch in Betracht der finsteren Zeit, der diese Menschen trotzten, in Betracht der allgegenwärtigen Furcht und der ständigen Gegenwart des Todes ist jeder einzelner dieser Fälle eine unüberhörbar lauter Aufruf zur Menschlichkeit. In unserer Erinnerung an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus bilden diese Menschen vereinzelt Quellen des Lichtes, die zwar die bedrückende Dunkelheit um sie herum nicht überstrahlen können, doch deshalb auch umso heller leuchten.
Ich wünsche uns allen dieselbe Kraft und denselben moralischen Halt wie Josef Juwanschitz ihn bewiesen hat, damit wir gemeinsam die Vorurteile besiegen und den Rassenmythos zurückdrängen können. Und im selben Zug den Hass ausjäten, mit all dessen Sprossen.
Damit unser gemeinsames und festes Einstehen für den Geist und Umsetzung der Demokratie, sowie für die Freiheit und die Menschenrechte Erfolg haben kann.

