Doch zuerst zum Warum: Weshalb wollen das Ungarische Tourismusamt und das Agrar Marketing Centrum den Konsum von perlenden Alkoholika ankurbeln. Weil…
…in den vergangenen zehn Jahren immer weniger Sekt getrunken wurde;
…sich die Zahl der Sekthersteller in den letzten drei Jahren verdreifacht hat. Es sind 20.
…die Ungarn Sekt nur zu Silvester, eventuell zu Weihnachten und zu besonderen Anlässen trinken; sich der Absatz auf November-Dezember beschränkt.
…Umfragen ergaben, dass es vielen Befragten gar nicht einfallen würde, mit einem Gläschen Sekt anzustoßen; viele mit dem Vormarsch des stillen Wassers auch perlenden Wein, Schaumwein und Sekt ablehnen. (Alles, was perlt soll ungesund sein.) Allein akzeptabel wäre die Antwort: Sekt schmeckt mir nicht. (Natürlich auch: ich trinke überhaupt keine alkoholischen Getränke.)
…die ungarischen Sektmarken auf dem internationalen Markt gefragt sind, die Qualität der Getränke anerkannt und geschätzt wird, von internationalen Wettbewerben Bronze, Silber und Gold geholt wird.
Tja, ein Gläschen oder zwei in Ehren, dass aber die Jugend, die jungen Erwachsenen die Hauptzielgruppe der Werbekampagne sind, ruft die Gegner auf den Plan. Die Begründung der Werbemachern: Schaumwein und Sekt sorgen schnell für eine gelöste, angenehme Atmosphäre. Der ungarische Slogan ’Boldogság Buborékai’ verspricht Glück durch die Kohlensäurebläschen, die Perlen im Getränk. Dieser rollt nicht nur durch die Straßen, sondern schmückt Gigant Poster, Print- und Online_Medien, dient als PR-Mittel auf Events. An zehn geheimen Orten sind Guerillaaktionen geplant: via Facebook werden die Verkoster informiert.
Nichts für ungut. Ein Gläschen brut naturelle, brut, extra dry jeder ungarischen Marke kann jeden (immerhin festlichen) Anlass krönen. Und dass die ungarischen Sektkellereien 2002-2013 ihren Export verdreichten (nach Skandinavien, Estland, Kanada u.a. Länder) ist okay. Gut ist auch, dass es ganz alkoholfreien Sekt gibt, und das ist nicht der Kindersekt, dass Sekt hervorragend zum Mixen von Cocktails geeignet ist. Dass die Mehrheit der Ungarn, die überhaupt Sekt trinken, den doux, den süßen bevorzugen, finde ich schade. Da gibt es Nachholbedarf. Gefährlich ist so eine Werbekampagne (50 Mio. Forint) allerdings, wenn man bedenkt, dass es in Ungarn 800 000 alkoholabhängige Menschen git, davon 25% in psychiatrischer Behandlung sind und Komasaufen unter der Jugend nicht unbekannt sein soll…
PS: Wer sich für ungarischen Sekt interessiert, dem sei ein Besuch in der ältesten Sektkellerei mit Museum und Besucherzentrum Törley in Budafok, dem 3. Gemeindebezirk von Budapest, 1222 Budapest, Anna utca 5-7 empfohlen.

