Vác, die Stadt der Superlative

Ja, Superlative:

Ungarns einziger Triumphbogen, der vor gut 250 Jahren zu Ehren des Besuches von Maria Theresia in der Stadt errichtet wurde. Die Monarchin, unterwegs von der Ständeversammlung in Pressburg, sollte prunkvoll enpfangen werden. Das wurde sie auch, allerdings ohne durch den Triumphbogen gefahren worden zu sein. Weshalb nicht? Da ranken sich Legenden um den Besuch: er, der Triumphbogen soll zu schmal für die kaiserliche Karosse gewesen sein; er soll als Bauwerk nicht ausreichend sicher gewesen sein.

Vác ist die Stadt, die sich der ersten Bahnverbindung in Ungarn rühmen darf: am 15. Juni 1846 fuhr der erste Zug von Pest-Buda nach Vác. (Und auch die erste elektrifizierte Bahnstrecke, Vác-Gödöllő, wurde hier übergeben; natürlich viel später.)

Hier wurde das erste Honvéd-Denkmal in Erinnerung an die Schlacht von Vác während der Revolution und des Freiheitskampfes 1848-49 errichtet.

Vác, die vom Barock geprägte Kleinstadt darf auf die einzige barocke Steinbrücke mit kunstvollen, natürlich barocken Steinheiligen stolz sein, genauso wie auf den einzigen dreieckigen barocken Marktplatz, (zur Zeit Schauplatz des Adventsmarktes).

Vác ist Bischofssitz seit über 1000 Jahren, es war das 10. Bistum, das König Stephan der Heilige gründete.

Im Bewusstsein vieler Ungarn lebt Vác als Industriestadt weiter. Das war anno, im 19. und bis Mitte des 20. Jahrhunderts, so dass sich Vác zu den verschmutzesten Kommunen Ungarns zählten. Die Industrie schrumpfte, so dass in Vác nach neuen Schwerpunkten gesucht wurde. Vác gehört heute zu den ’Blumenstädten’ Europas. Im Fokus stehen heute Kultur, Sport und Landschaft.

Kultur und Kunst. Vác hat seit diesem Frühjahr sein eigenes Theater: das Donauknietheater Vác, ein von außen eher unanscheinliches Bauwerk, 1927 errichtet, das als Lagerraum und Kino oder ganz ungenutzt dahinvegetierte. Nun sind die 260 Plätze so gut wie immer besetzt. Als Auftakt wurde das Theatertreffen der Visegrád-4-Staaten gefeiert. Aufführungen für Kinder und Erwachsene stehen auf dem Spielplan, Künstler und Ensembles werden eingeladen.

Exorbitant reich ist Vác an Museen und Galerien. Die wohl einzige über die Stadt- und Ungarngrenzen hinaus bekannte Sammlung ist „Memento mori” im Tragor Ignác Museum (Vác, Március 15. tér 19): die mumifizierten sterblichen Überreste von Vácer Bürgern, in der Unterkirche der Dominikaner 1780-1800 bestattet. Nur drei der Mumien sind ausgestellt, alle anderen befinden sich im Naturwissenschaftlichen Museum in Budapest. Aussagekräftig sind die zahlreichen bestens erhaltenen Särge mit Inschriften (auch in Deutsch) und Ornamenten.

Unter den Sammlungen muss  jene des Kurators aller Vácer Museen und Sammlers László Papp hervorgehoben werden: die Ungarische Moderne Sammlung (Vác, Káptalan utca 16) steht exemplarisch für die ungarische bildende Kunst des 20. Jahrhunderts, mit Lebenswerken wie des Debrecener Künstlers János Józsa, den grotesk skurillen Skulpturen (z.B. die Philosophische Ziege) Ernő Tóths bis zum kompletten graphischen Nachlass Vladimir Szabós, den eigentlich die Albertina erwerben wollte. László Papp, der seit 40 Jahren zeitgenössiche ungarische bildende Kunst sammelt, betreut auch das „Vácer Album des Lächelns” (Vác, Március 15. tér 20), die Werke, sprich Karikaturen seines Freundes Ferenc Sajdik. Dieser, heute 83-jährige Maestro, übrigens der einzige ungarische Karikaturist, der mit dem Kossuth-Preis ausgezeichnet wurde, am 15. März dieses Jahres) hat auf den in der Galerie ausgestellten Tafeln die Geschichte Vác’ liebevoll spöttisch nachempfunden.

Eine Hochburg von Kunstsammlungen ist das Pannonia Haus mit den Sammlungen der Stadt Vác (Vác, Köztársaság út 19). In Schlagworten aufgezählt, denn diese Kunst sollte gesehen und nicht beschrieben werden: László Gádors Keramiksammlung (der Vollständigkeit halber: Werke von László Gádor und Tochter Magda Gádor), repräsentativ für die ungarische Keramik des 20. und 21. Jahrhunderts, Gemäldesammlung Gyula Hincz’, des ’ungarischen Picasso’, Koditoreikunst (Lajos Kopcsik und Béla Haraszti), die hohe Kunst des Buchbinders György Váci oder die Sammlung schmiedeeiserner Werke, Teil der Privatsammlung eines Vácer Bürgers.

Zu guter Letzt und der kalten Jahreszeit gerecht werdend sei an dieser Stelle in das Weinhaus und Weinmuseum Curia am Marktplatz von Vác (Március15. tér 20) eingeladen, dessen Hausherr Gyula Víg seit 35 Jahren Weine sammelt (2500 Flaschen, davon 900 dem Tokajer gewidmet), in die ungarische Weingeschichte einführt und z.B. die Technologien der Weinreife, ja -herstellung aus der k.u.k.-Zeit über die Horthy-Ära und bis zur industriellen Herstellung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleicht und erklärt. Vor dem Weinhaus steht jetzt, im Winter, die Jurte des Hauses, wo in heimeliger Atmosphäre Glühwein  zu Fettbrot mit Zwiebeln serviert wird.

Tja, Vác wird seinem Motto als Stadt der Superlative gerecht und möchte davon möglichst viele ungarische und ausländische Besucher überzeugen. (Was die sportlichen Möglichkeiten auf dem Wasser, der Donau, und zu Lande betrifft, das Wandern in die malerische Umgebung sei für einen späteren Zeitpunkt, wenn es grünt und wärmer wird, aufgehoben.)