Was ausländische Touristen betrifft, sind es vorrangig die Besucher aus Partnerstädten sowie die gemeinsamen Wurzeln, die längst nicht mehr hier lebende Menschen an den Ort ihrer Vorfahren und Verwandten locken.
So ein Ort ist die Kleinstadt Dunaharaszti – deutsch Harast – mit 20 500 Einwohnern. Ihre deutschsprachige Bevölkerung – Sammelname Schwaben – siedelte hier zur Zeit Maria Theresias an. Die Schwaben, offiziell Ungarndeutschen, kamen 1712 mit der Ulmer Schachtel die Donau stromabwärts (daran erinnert das alljährlich Anfang Juni organisierte Flößertreffen) und blieben bis 1946 ungestört in vielen Regionen Ungarns.
Eine deutschsprachige Bevölkerung gab es, so die Urkunden, allerdings schon nach 1690, nach den Freiheitskrieges von Fürst Rákóczi. 1946-48 wurden, wie vielen bekannt, Hunderttausende Ungarndeutsche vertrieben. Die Haraster Schwaben hatten Glück, sie bleiben verschont, nicht so jene in den Anrainergemeinden Soroksár (17 000 Vertriebene), Taksony (800).

Heute leben noch 4000 ’Schwaben’ in Dunaharaszti. Die Geschichte der Haraster Schwaben wird im Heimatmuseum (siehe Photo) gepflegt und erzählt. Das 1924 gebaute Bauernhaus wurde 2007 als Heimatmuseum eingerichtet und holte sich 2009 den Titel „Heimatmuseum des Jahres”.
Auf dem Hof des Heimatmuseums wird das Brauchtum der Ungarndeutschen lebendig. Die Teilnehmer werden mit einem zünftigen Frühstück begrüßt (siehe Photo), das sich der ernährungsbewusste Zeitgenosse nur selten gönnen sollte. Ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit seien einige Programme aus dem Dunaharaszter deutschen Kalender genannt, zu denen Gäste immer willkommen sind: Polka Party am 28. Juli, Kirmes an Sank Stephan am 20. August, Weinlese am 29. September und Schlachtfest am 24. November.
Dunaharaszti hat natürlich noch einiges mehr zu bieten. In der Hauptstraße wird man automatisch auf ein bordeauxrotes schmuckes Gebäude aufmerksam: das Palais Laffert, 1716-18 von Ferdinand Albrecht Laffert, dem Gutsherrn der Region gebaut, allerdings schon bald nur als Granarium genutzt. Mit dem Aussterben der Lafferts Anfang des 19. Jahrhunderts geriet die Historie in Vergessenheit, das Gebäude wurde zweckentfremdet, in Wohnungen und Werkstätten aufgeteilt. Dass es trotz spärlicher Dokumente rekonstruiert und restauriert werden konnte, zeugt vom Sachverständnis und der Ausdauer der Kunsthistoriker und Baumeister. Heute finden hier, im Prunksaal und Garten (siehe Photo) die unterschiedlichsten Veranstaltungen statt.
Was alle Städte und Gemeinden der Region verbindet ist die Donau, sprich der Donauarm Ráckeve-Soroksár. Diese58 kmDonau haben ein Problem: sie verschlammen; darin zu baden wird nur an bestimmten Uferabschnitten empfohlen, so etwa am Freistrand von Szigetszentmárton – deutsch Sanktmartin –, dem größten Feriendorf an der Donau mit nur 2300 Einwohnern, deren Zahl an Wochenenden auf 15 000 anschwillt.
Hier sind mehrere Rudervereine aktiv und auf den 2011 runde 100 Jahre alt gewordenen Anglerverein sind die Einwohner besonders stolz. Seit 2005 wird im Rahmen des mit EU-Fördermitteln bestückten Projektes diese Donau revitalisiert: ausgebaggert, die Kanalisation der Uferortschaften vorangetrieben und daran gearbeitet, dass das Wasser der Kläranlage von Südpest nicht mehr in den stillen Donauarm, sondern die große Donau abgeleitet wird. Es gibt noch viel zu tun.
Doch zurück zu Angenehmerem in der Region an der Südpforte von Budapest! Übergangslos geht Dunaharaszti ins Nachbarstädtchen Taksony – deutsch Taks – über. Dem gestressten Großstädter und müden Wanderer sei hier als Verschnaufpause der 2009 neu gestaltete Hauptplatz ans Herz gelegt: Es ist ein weitläufiger Platz der Ruhe und Besinnung (siehe Photo) mit gepflegter Grünanlage, der nach dem Erdbeben 1956 neu gebauten Kirche, dem nach Johannes Paul II. benannten Gemeindehaus, einer Mariengrotte und dem Musikpavillon, wo an lauen Sommerabenden (an vier Freitagen, von 19-20 Uhr) Konzerte stattfinden.
Was die Multikulturalität der Region betrifft, muss Ráckeve genannt werden. Schon der Name besagt (dem des Ungarischen Kundigen), dass sich hier Südslawen, Serben niederließen, nämlich schon zu Zeiten von Matthias Corvinus auf der Flucht vor den Türken. (Rác = Raize = Serbe) In Ráckeve, das sich gerne auch ’Klein-Venedig’ nennen lässt, muss! außer dem von Eugen von Savoyen 1702 gebauten Barockschloss der ältesten serbischen Kirche Ungarns ein Besuch abgestattet werden (siehe Photo).
So ehrerbietig, wie diese Formulierung präsentiert sich auch das Gotteshaus, dessen Bau von König Matthias in Auftrag gegeben wurde, das 1787 sein heutiges Antlitz erhielt: hier verschmelzen Spätgotik mit Barock und Zopfstil. In der Kirche werden regelmäßig Gottesdienste nach orthodoxer Liturgie zelebriert, sie kann aber auch als ’Museum’ vom 1. April bis 31. Oktober, im Winter an Wochenende besichtigt werden. Kirchweih ist am 28. August, Mariä Himmelfahrt nach dem julianischen Kalender. In Ráckeve leben nur noch einige wenige serbische Familien, die zu dieser Kirchengemeinde gehören. Als ’echtes’ serbisches, d.h. Raizendorf wurde auf Anfrage Lórév genannt. (Zu Ráckeve siehe auch den Beitrag vom 23. April 2008; Das unbekannte Ungarn: Ráckeve und Umgebung.)
Als Abschluss dieses Erlebnisberichtes sei ein Abstecher nach Szigethalom in die ungarische Frühgeschichte empfohlen: im Emese Park wird die Zeit der Arpaden zu neuem Leben erweckt. Auf 12 Hektar befindet sich eine rekonstruierte Erdburg mit Rittersaal, Pferdekoppel, künstlichem See mit Hafen, Kräutergarten und autochtonen Nutztieren. Als Illustration sei an dieser Stelle nur der ’wilde’ Reiter und Krieger gezeigt (siehe Photo). Wird hier die Geschichtestunde gehalten, dann macht Geschichte auch dem faulsten Schüler Spaß.

