An diesen Umstand passt sich die einstige Kaiserstadt schon seit geraumer Zeit an, unter anderem damit, dass man sich auf dem Internetportal der Bundeshauptstadt in 16 Sprachen – darunter natürlich auch auf Ungarisch – über Nachrichten, Verwaltungsangelegenheiten und Dienstleistungen der engeren Heimat informieren kann. Die Stadt Wien und die Bezirksvertretungen  (davon gibt es 23, genauso wie in Budapest!) legen viel Wert darauf, eine ständig aktualisierte Informationsplattform anzubieten und noch mehr darauf, dass die Bürger, ob Eingeborene oder Neu-Wiener, im Nu die Antworten auf ihre Fragen finden oder ihre Fragen an die Zuständigen schicken können.

 

Dabei wird den Mitarbeitern der Wiener Gebietsbetreuung und Stadterneuerung eine wichtige Rolle zuteil. „Diese Dienstleistungsorganisation ist in jedem Bezirk zu finden (die Dienstleistungsstadt, die Dienstleistungsverwaltung ist in Österreich nicht nur Wunsch, sondern Motto und eine seit langem geltende Wirklichkeit! – der Red.), sie bietet in erster Linie in den Bereichen Wohnen, Wohnumfeld, Infrastruktur, Stadterneuerung, Sanierung und Zusammenleben in der Gemeinschaft Informationen an, bzw. sie nimmt von den Bewohnern Vorschläge und Beschwerden an”, erklärt Andrea Mann, die kürzlich für drei Jahre ernannte Leiterin der Gebietsbetreuung 2-20. Bezirk (kurz: Gbstern). Aus ihren Erklärungen wird klar, dass sie mit ihren Kollegen zwar eine öffentliche Aufgabe erfüllt, das Team arbeitet aber als Unternehmen. Wenn nötig, sind die Mitglieder – Bauingenieure, Kulturingenieure, Juristen, Stadtplanungsexperte – auch bereit, sich in die Geschichte des Stadtteils, Stadtviertels (auf gut Österreichisch: Grätzels) einzugraben, bevor sie sich über einen Abriss oder einen Bau entscheiden würden.

„Jeder kann uns besuchen, auch außer den Sprechstunden – so Andrea – und viele kommen auch. Dieser eigenwillige Bezirk Wiens, die Leopoldstadt, entstand nach der Reglementierung der Donau und ist in Wirklichkeit eine Insel, wie auch das benachbarte 20. Bezirk Brigittenau. Auch die Bevölkerung ist äußerst gemischt, das zeigt sich in erster Linie in der Vielschichtigkeit der Nationalitäten…”

Um den ungarischen Leser aufzuklären: In der Wiener Leopoldstadt befinden sich der Prater – der Wiener Vergnügungspark mit Wiens Wahrzeichen, dem Riesenrad -, die größte und einzige Fünf-Sterne-Fußballhalle Österreichs (UEFA-Cup, Champions League), das Ernst-Happel-Stadion, wo manchmal auch Konzerte mit 70.000 Zuschauern veranstaltet werden, das Zeiss-Planetarium und das Panoptikum von Madame Tussauds.

 

„Kostenlose Beratung, Information, Ausarbeitung von Vorschlägen, Vermittlung zwischen Bevölkerung und Stadtführung – das ist unsere wichtigste Aufgabe”, erklärt Diplomingenieurin Andrea Mann. „Wir haben viele persönliche Besprechungen und versuchen so schnell wie möglich eine konkrete Antwort zu geben, auch wenn die Aufgabe selbst nicht sofort lösbar ist. Hier, hinter meinem Rücken ist die aktuelle Themenauflistung zu sehen, an der unser Team derzeit arbeitet – das Produkt der vergangenen Wochen. Kunstfestival, Vordach, türkisches Café, Unterrichtsküche und noch tausend Ideen, Vorschläge, Bitten kommen zusammen. Zudem führen wir auch Erstkonsultationen über Miet- und Wohnangelegenheiten, Hausrenovierung, Miete, Betriebskosten, soziale Unterstützung, Kündigungen, Promenaden, Bürgersteigerweiterung oder gar Ausquartierung, Prozesse und helfen bei der Vermittlung zwischen Mieter und Hausbesitzer. Gleichzeitig entwickeln wir Vorschlagsentwürfe und arbeiten den Kollegen unter die Hand, die die Ausführungspläne erstellen, damit die Wünsche der Bevölkerung in größtem Maße verwirklicht werden können. Das tun wir, um die bürokratischen Umwege abzuwenden, für die früher Österreich – und wahrscheinlich wohl auch Ungarn – berüchtigt war…”

Der Chronist kann kaum den vielseitigen Tätigkeitsbereich des Gbstern auflisten, der zeigt: Die Mitarbeiter der Organisation wollen die Lebensqualität des Stadtviertels und Wohngebiets verbessern, wobei für die Bewohner oft nur eine Wohnungsrenovierung, die Errichtung oder Genehmigung einer Terrasse oder eines Vordaches genug zu ihrem Glück ist, vor allem wenn die Beschaffung der Materialien zu einem Aktionspreis möglich ist. Denn bei der Gebietsbetreuung wird auch darauf Acht gegeben.

„Es ist sehr wichtig für uns, dass unsere Tätigkeit sich auch in Zusammenarbeit und im Dialog ausdrückt”, so Andrea Mann. „Besonders wichtig ist die Initiative der Bürger, ihr Zusammenhalt und ihr Fleiß im Interesse der Gemeinschaft, die gegenseitige Hilfe im Bewusstsein, dass man sich selbst helfen kann. Wir freuen uns auch über Vorschläge der Bevölkerung im Sinne ihrer Umwelt, über Initiativen die zur Verschönerung ihrer Höfe oder die Entwicklung bzw. Pflege der öffentlichen Grünflächen dienen.”

Auf ein besonders gutes Beispiel trafen Journalist und Fotoreporterin im 16. Bezirk, Ottakring, der gerade seinen 120-jährigen Geburtstag feiert. Der Stadtteil kann heute noch ziemlich luftig genannt werden, denn die Bevölkerungsdichte erreicht nicht einmal annähernd die von der benachbarten Josephstadt (22.181 Personen/km2) oder die von Neubau (18.953), denn im Bezirk leben auf  8,65 Quadratkilometern 96.377 (die Bevölkerungsdichte ist somit nur 11.142). Als Besonderheit muss auch erzählt werden, dass der Wiener Bürgermeister (Konterpart des Budapester Oberbürgermeisters) Michael Häupl auch in diesem Bezirk wohnt – genauso wie einst die Geschwister Johann und Josef Schrammel, die Erfinder der weltbekannten Volksmusikrichtung „Schrammelmusik” sowie ihr Nachfahre, Horst Chmela, ebenfalls Komponist und Musiker, außerdem der berühmteste österreichische türkischstämmige Fußballspieler,  Muhammet Hanifi „Aka“ Akagündüz… Noch dazu siedelte sich hier auch der genau von 150 Jahren gegründete Kaffee- und Lebensmittelkonzern Julius Meinl an.

Ottakring ist besonders gemischt und zwar nicht nur im Bezug auf seine Bevölkerung sondern auch auf ihre Bauten.  Die Nähe des Gürtels war eine dicht besiedelte, früher von Arbeitern und Beamten bewohnte Gegend, weiter „hinten” boten Fabriken und Werkstätten Arbeit zum Lebensunterhalt.  Gleichzeitig ist es auch ein angenehmes Stadtviertel, denn seine Hügeln erinnern an den Wiener Wald, die Betuchteren haben sich hier ihre Villen bauen lassen.  Wie naturnah der Bezirk ist, zeigt, dass auch der früher selbstständige Stadtteil Neulerchenfeld auf Vorschlag von Franz Joseph Ottakring angeschlossen wurde. Ein Viertel der Bevölkerung ist kein gebürtiger Österreicher sondern Serbe, Montenegriner, Türke, Pole, Kroate oder Bosnier. 

„Auch das zeigt, dass wir tagtäglich auch eine Sprachbarriere bekämpfen müssen”, erklärt Florian Brand Bauingenieur und Leiter der Gebietsbetreuung/Stadterneuerung vom 7., 8. und 16. Bezirk. Mancherorts, vor allem auf dem längsten Straßenmarkt Wiens, dem Brunnenmarkt (und auf dem Yppenplatz) herrscht eine richtig südeuropäische Atmosphäre, das Feilschen ist hier ein Muss. Als sichtliches Zeichen der Bezirkserneuerung wurde die Brunnengasse zwischen 2005 und 2010 vollkommen saniert. Nicht nur die hiesigen sondern auch die Bewohner der benachbarten Bezirke kaufen hier ein.

„Grundlage unserer Arbeit ist die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und die Skizzierung sowie Initiierung der Verwirklichung der gemeinsam angenommenen möglichen Projekte.  In den meisten Fällen ist unsere Arbeit von Erfolg gekrönt”, meint Florian Brand. „Wenn Sie Wien kennen, müssen sie bereits festgestellt haben, dass obwohl unser Gebäudebestand mindestens so alt ist wie der von Budapest, dank der seit Jahrzehnten dauernden und konsequenten Sanierungs- und Erneuerungsprojekte unsere Bauten an vielen Stellen fast neu erscheinen. Es gibt in der Stadt und dem engeren Raum Ottakring fast keine Straße, keinen Platz wo nicht gebaut werden würde. (Auch die ungarischen Gäste können es bezeugen: Der Weg ins Büro von Brand, in die Halberlgasse 76 führte über einen Wald von Gestellen, wir gelangten ins Gebäude während des Transports von Schutt, Ziegelsteinen und Beton…) In der Bau- und Verschönerungsarbeit steckt auch unsere eigene Arbeit, genauso wie die Vorschläge und Initiative der Bewohner, denn nur so können wir weiterkommen. Zu unseren konkreten Aufgaben gehören beispielsweise die Entwicklung von Radspuren, die Vergrößerung der Straßenbahnhaltestellen, der Bau von behindertengerechten Ab- und Auffahrten, die Verbreiterung der Bürgersteige – auch zu Lasten der Fahrtspuren -, um den Passanten, den Einkäufern, Spaziergängern, Kindern und den Kaffeehaus- sowie Restaurantterrassen mehr Raum zu schaffen . Solche Terrassen werden bei uns ’Schanigarten’ genannt.”

Die „Begrünung” ist in Wien inzwischen zu einer regelrechten Bewegung ausgewachsen. Wo sich dafür auch nur ein wenig Raum bietet, werden Blumen und Sträucher gepflanzt. Unter den Straßen, Häusern und Hausblöcken ist ein wahrer Wettkampf entstanden, wer auf kreativere, anspruchsvollere Weise mehr Pflanzen und Blumen platzieren kann. Entlang der Straße wird das Grau des Asphalts an den Baumstämmen durch bunte Blumen gebrochen, Gärten blühen auf den Dächern, Balkonen und natürlich auch auf den Höfen der alten und neuen Gebäude. „Unter anderem gehört zu den Aufgaben unserer Mitarbeiter auch die Beratung: Welche Pflanze wo am besten angebaut werden sollte, sie sind auch für die kostenfreie oder zumindest vergünstigte Anschaffung von Blumen, Sträuchern und Bäumen verantwortlich. Wir sind bemüht, die Anrainer zu gemeinsamen Spaziergängen zu bewegen um derweil herauszufinden, welche Ideen, Wünsche und Beschwerden sie haben, um ihren Lebensraum lebenswerter und schöner zu machen. Wir laden die Straßenbewohner, Nachbarn, die unbekannten Bekannten zu einem Tisch ein, damit sie sich an der Verschönerung ihres Hauses, ihrer Straße und ihres Blocks beteiligen können.”

Wie sich aus dem Gespräch herausstellt, verlassen sich Diplomingenieur Brand und seine Kollegen nicht nur auf die Aktivität und Initiative der Bevölkerung, sondern auch auf die der örtlichen Händler und Unternehmer, die im Gegenzug das Versprechen eines größeren Umsatzes bekommen. Denn die Käufer besuchen eine schöne, saubere und geregelte Umgebung viel lieber, so dass die Einkaufsstraßen und Märkte aufgewertet werden. Wo viele wohnen, dort haben auch die Kultur und die Vergnügungsindustrie (z.B. Kunstfestival „Soho in Ottakring”) einen wichtigen Platz, vor allem wenn auch die Bewohner den Bedarf haben, ihre freie Zeit anspruchsvoll zu verbringen. Besonderen Absatz finden (auch) in Ottakring die nicht deutschsprachigen, multikulturellen Angebote, Veranstaltungen, Messen. Das Finden und die Gestaltung der geeignetsten Ausstellungsräume und Standorte ist ebenfalls die Hausaufgabe der Gebietsbetreuung, genauso wie das Errichten von Spielplätzen und Jugendtreffs, wo die junge Generation sich „austoben” kann.

Auf Vorschlag der Mitarbeiter des „Ideen- und Dienstleistungsbüros” Gbstern entstehen auch Projekte mit größerem Investitionsvolumen, die zur angenehmeren Lebensgestaltung der Bewohner beitragen sollen. Dieses Jahr wird beispielsweise das Fernwärmenetz zwischen dem Gürtel und der Steinergasse ausgebaut, wofür aufgrund von einer Ausschreibung auch EU-Födergelder gewonnen werden konnten. Je nach Kraft, Möglichkeit und Können konnten sich an den Arbeiten auch die Einwohner beteiligen, und sie leisteten auch ihren Beitrag. 

Am Ende des Gesprächs erinnerte Florian Brand seine Gäste auch daran, dass die vor gut vier Jahrzehnten begonnene bewusste, gut durchdachte und konsequente Stadtplanung der österreichischen Hauptstadt ( die seit 1945 fortlaufend unter sozialdemokratischer bzw. sozialdemokratischer-grüner Führung steht – der Red.) und derer Bezirke inzwischen das wichtigste Ziel erreicht hat: Die breit gefasste Rehabilitierung, die strukturelle Maßnahmen weit überschreitet und die oft mit Diskussionen gespickte Zusammenfügung  verhalfen die Stadt Wien zum Titel der lebenswertesten Stadt.

Im Wiener 12. Bezirk, bei der Gebietsbetreuung in Meidling, ist der Leiter, Diplomingenieur Hanz Hinterholzer – ein Kollege von (aus unserem Artikel bereits bekannten) Andrea Mann und Florian Brand – besonders stolz darauf, dass die hier lebenden Bürger eine Vielzahl von blühenden Inseln errichtet haben. Die Natur erhielt nicht nur auf den Höfen und Balkonen, sondern – wo möglich – auch auf den Dächern und Fassaden der alten und neuen Wohnhäuser Einzug.  Wo es nur ein Stückchen unbenutzte Fläche oder nicht verkaufter Boden zu finden ist, entstehen der Reihe nach Gemeinschaftsgärten. Wer keine Geräte hat, der kann welche gegen eine Leihgebühr bekommen und im Container am Ende des Grundstücks aufbewahren. 

Auch in diesem Bezirk sind auf den öffentlichen Plätzen, an den Bäumen entwickelte Beete mit saisonalen Blumen kein seltener Anblick. Davon profitieren die Bäume genauso wie die Blumen, denn die Anrainer pflegen und gießen diese regelmäßig. Anstatt zu Abfall- und Zigarettenkippenbehältern zu entarten, lassen diese Beete den öffentlichen Raum schöner und heimeliger erscheinen. Viele adoptieren Bäume im öffentlichen Raum und pflegen diese langfristig.

Diese Grünflächen und die vielen Blumen kommen den inzwischen geschützten sozialen Wohnblöcken besonders zu Gute. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die charakteristischen, Bauhaus-Merkmale tragenden 300-400 Wohnungen beherbergenden Siedlungen mit mehreren Innenhöfen im „roten Wien” zu Dutzenden gebaut und boten Tausenden ein gesundes und geräumiges Heim, die bis heute (inzwischen renoviert und modernisiert) sehr beliebt sind. Die alten Bewohner dieser Hausblöcke schließen sich gern dem Umweltprogramm an, genauso wie diejenigen, die in die Neubauviertel mit ähnlichem Volumen erst kürzlich eingezogen sind.

In Meidling ist vielerorts die Aufschrift „Wir sind im Garten!“ zu lesen; die Aufschrift ist eine Anspielung darauf, dass wir uns gerade vor einem Gemeinschaftsgarten befinden. Die Anrainer hatten die Fläche kostenfrei bekommen, um hier anzubauen, sie teilten diese untereinander gerecht auf, so dass sie die wenige Quadratmeter großen Beete nach Lust und Laune, Wissen, Geschmack und Anspruch selbst pflegen können. Die meisten bauen für den Haushalt notwendiges Gemüse und ein wenig Obst (meist Erdbeeren und Himbeeren) an, andere pflanzen Blumen an, um damit ihre Wohnung zu schmücken oder diese ihren Lieben am Friedhof zu bringen. Die Pflanzen werden meist vom Stadtgartenamt zur Verfügung gestellt.

„Neben der Beschäftigung haben diese kleinen Hobbygärten noch einen weiteren Vorteil – sie schaffen Gemeinschaften”, erklärt Diplomingenieur Hinterholzer. „Nach wenigen Treffen werden die Menschen warm miteinander, freunden sich miteinander an, reden, grillen, trinken zusammen Bier sogar, verbringen ihre Zeit in guter Stimmung zwischen den Häusern. Nur wenige Schritte von ihrem Heim erwartet sie die Natur, ihr kleines Gärtchen…”

 

Unser Artikel konnte unter Mitwirkung von comPRess, dem Verbindungsbüro der Stadt Wien entstehen. Vielen Dank dafür!