Außenminister-Legende Hans-Dietrich Genscher (FDP), Ex-Finanzminister Theo Waigel (CSU, „Mister Euro“) und der damalige Berater von Kanzler Helmut Kohl, Horst Teltschik (CDU), schwelgten zusammen mit ehemaligen und amtierenden Ministern aus Ungarn nicht nur in den Erinnerungen an das Wunder der Grenzöffnung durch Ungarn, das Zehntausenden DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen ermöglichte.

Vier Zeitzeugen: der frühere Kanzlerberater Horst Teltschik (CDU), der ehemalige ungarische Botschafter Istvàn Horvàth, Ex-Finanzminister Theo Waigel (CSU) und der langjährige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) am Samstag in Potsdam (Foto: Marco Urban)

Genscher nutzte die Geschichtsstunde zu einem dramatischen Appell an die heutige Politik, das „kostbare Erbe“ nicht zu verspielen: „Die Völker Europas waren sich in dem, was sie erhofften, was sie wollten, niemals so nahe wie 1989. Das sage ich an die Adresse derjenigen, die heute glauben, Europa zermäkeln und zerreden zu müssen.“ Eine Ohrfeige für die europakritische AfD ebenso wie für die Linkspartei.

Dann knöpfte sich der Altmeister die aktuelle Russland-Politik vor. Er habe 1989 als das Ende der Teilung Europas verstanden, als „neue Geburtsstunde erlebt“. Heute habe er den Eindruck, manche wollten „die Teilungsgrenze an die Westgrenze Russlands“ verlegen. Doch Russland gehöre zu Europa und sei „nicht Westasien“.

Denn auch der Fall von Mauer und Eisernem Vorhang wäre ohne „das große Land im Osten“ nicht denkbar gewesen.

Eine klare Mahnung an den Westen, mehr Rücksicht auf russische Empfindlichkeiten zu nehmen.

Horst Teltschik wurde noch deutlicher: „Wir haben mit Russland in den letzten Jahren vieles in Gang gesetzt und sind dabei, das völlig zu zerstören.“ Es müsse mehr und nicht weniger Vertrauen aufgebaut werden.

Teltschik machte auf einen für die deutsche Seite peinlichen Umstand aufmerksam. Ungarn habe damals „eine historische Leistung für Deutschland erbracht“. Leider gebe es 25 Jahre später keine Einladung von deutscher Seite für eine Gedenkveranstaltung wie die in Potsdam.

Wem der Rüffel galt, machte Teltschik mit dem Hinweis deutlich: „Leider ist Minister Altmaier schon weg.“ Gemeint war Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU), der Grüße von Kanzlerin Merkel (CDU) überbracht hatte.

Zu Beginn hatte Botschafter Czukor daran erinnert, dass die Wende kein Zufall war: „Die Berliner Mauer ist nicht gefallen, sondern von den Völkern Mitteleuropas niedergerissen worden.“ Angesichts der schwierigen Lage in der Ukraine sei es für die Ungarn wichtig, dass sie Deutschland an ihrer Seite wüssten. Dort gehe es nicht nur um die Ukraine, „sondern um die Grenzen in Europa“.

Eine andere Sorge trieb den damaligen Seelsorger der DDR-Flüchtlinge und heutigen ungarischen Minister, Zoltan Balog, um: „25 Jahre nach dem Eisernen Vorhang gibt es zahlreiche soziale Eiserne Vorhänge in Europa und innerhalb einiger Länder.“

Der Festakt unmittelbar an der Glienicker Brücke, die bis 1989 Deutschland trennte, begann als gefühlvolle Geschichtsstunde. „Tagesschau“-Einspielungen erinnerten daran, dass Ungarn seine Grenzen für die DDR-Flüchtlinge genau am Vorabend des CDU-Parteitages am 11. September 1989 in Bremen öffnete.

Nach dem Plan der Widersacher Kohls um Heiner Geißler sollte in Bremen Lothar Späth zum neuen CDU-Chef gewählt und Kohl so auch als Kanzler gestürzt werden.

Die Putschisten hatten trotz schlechter Umfragewerte nie eine echte Chance gegen Kohl. Doch vollends zur Makulatur wurden ihre Pläne mit der Grenzöffnung. Vereinbart hatte das Datum für das epochale Ereignis übrigens Horst Teltschik mit dem damaligen ungarischen Ministerpräsidenten Mikos Nemeth (Nemeth heißt übersetzt „deutsch“).

Noch heute kann sich Teltschik darüber aufregen, dass die Parteitagsdelegierten sich für die Öffnung des Eisernen Vorhangs keinen Deut interessierten. Der spätere Kanzler der Einheit aber sagte bereits am 10. September 1989 in Bremen: „Der Wille zur Einheit der Nation ist eine tief bewegende Kraft.“ Auf dem Tiefpunkt seiner politischen Karriere trat die Geschichte an Kohls Seite.

In Potsdam meldeten sich zu Staatsmännern gereifte Politiker zu Wort. Theo Waigel erwärmte die Herzen der anwesenden Ungarn ganz besonders. Er erinnerte daran, dass der Trainer der ungarischen Nationalmannschaft aus dem WM-Endspiel 1954 in Bern noch auf dem Totenbett gesagt hat: „Wir haben verloren.“

60 Jahre nach dem Spiel stellte Waigel richtig: „Ungarn hat nicht verloren, Ungarn ist Sieger in der Geschichte Europas.“