Am 23. Oktober fand in Budapest ein Straßenumzug statt, um an den Aufstand der Ungarn gegen die Sowjetherrscher von 1956 zu erinnern. Der Umzug wurde Friedensmarsch genannt. Zum Abschluss hielt der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der in einem halben Jahr zur Wiederwahl antritt, eine Rede auf dem Heldenplatz. Seit zwei Monaten bin ich in der Stadt und arbeite als Gedenkdienstleistender im Budapester Holocaust Institut. Ich wollte mehr über die politische Situation in Ungarn herausfinden, deshalb habe ich an der Veranstaltung teilgenommen.

Ungarns Premierminister Orban während seiner Rede auf dem Heldenplatz am 23. Oktober 2013. (Ungarns Premierminister Orban während seiner Rede auf dem Heldenplatz am 23. Oktober 2013.  |  © Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images)

 

 

Ich schließe mich dem Zug von Regierungsanhängern an, die rot-weiß-grün gekleidet, Fahnen schwenkend und ungarische Volkslieder singend Richtung Heldenplatz marschieren. Dort angekommen drängen sich die Menschen vor der beeindruckenden Kulisse des Platzes dicht aneinander. Überall wird gesungen und geplaudert, doch als die Militärkapelle die ersten Töne der ungarischen Nationalhymne anstimmt, verwandelt sich die Menge von einem Augenblick zum anderen in einen riesigen Chor.  

Sobald die letzten Noten der Hymne verklungen sind, besteigt Orbán unter Beifall und „Viktor! Viktor!”-Rufen das Podium. In seiner Rede vergleicht er den Freiheitskampf von 1956 mit der aktuellen Situation Ungarns. Heute werde die Souveränität der ungarischen Nation vom internationalen Großkapital und der EU bedroht. Das Publikum reagiert mit Jubelrufen und Fahnenschwenken.

Nach der Rede habe ich Hunger und setze ich mich in ein nahe gelegenes Imbisslokal. Eine ältere Dame spricht mich an und fragt gut gelaunt, wie mir die Rede gefallen habe. Um keine Diskussion anzuzetteln, nicke ich einfach stumm ihre Lobrede auf Orbán ab. Wegen meines gebrochenen Ungarisch bemerkt sie schnell, dass ich kein Ungar sein kann. Also erzähle ich ihr, dass ich aus Österreich komme, aber ungarische Wurzeln habe. Gleich hellt sich ihre Miene auf. Es stellt sich heraus, dass wir beide Verwandte in Transsilvanien haben. 

Nach längerem Schwärmen über die Schönheit der transsilvanischen Landschaft erzähle ich ihr schließlich von meiner Arbeit im Budapester Holocaust Institut. Mit einem Mal ändert sich ihr Ton von großmütterlich-freundlich zu kalt und abweisend. „Aja, das Judenmuseum”, bemerkt sie abfällig. Als ich versuche, ihr zu erklären, dass sich das Institut nicht nur mit dem Holocaust befasst, sagt sie: „Es ist trotzdem ein Judenmuseum.” Plötzlich steht sie auf, verlässt das Restaurant und lässt mich verdutzt zurück.

Ich esse hastig auf, weil ich mich jetzt etwas unwohl fühle, zahle und mache mich auf den Weg nach Hause. Es ist bereits dunkel geworden, doch noch immer kommen gut gelaunte Menschen vom Heldenplatz und singen Volkslieder. Den in Häusereingängen und U-Bahnstationen liegenden Obdachlosen schenken sie kaum Beachtung. Erst vor wenigen Wochen hat Orbáns Regierung ein Gesetz erlassen, das Obdachlosen das Übernachten im Freien unter Androhung von harten Strafen verbietet. Die Opposition bezeichnete das Gesetz als Krieg gegen Arme und Obdachlose.

Auf dem Weg zu meiner Wohnung komme ich durch ein Viertel, in dem viele Roma leben. Vor den Geschäften stehen rund um die Uhr Menschen in ärmlicher Kleidung, viele mit einer Dose Bier oder anderem Alkohol in der Hand. Teilnehmer der Gedenkfeier kommen vermutlich eher selten hierher. In den Augen vieler Ungarn gehören die Roma nicht zur Nation und sind vor allem Sozialschmarotzer, Arbeitsverweigerer und Kriminelle.

Von Armut und Ausgrenzung hat Orbán in seiner Rede nichts gesagt. Stattdessen wurde bei dem Straßenumzug die angebliche Zusammengehörigkeit des ungarischen Volkes als buntes Spektakel inszeniert. In Budapest wird man allerdings täglich daran erinnert, wer sich als „echter Ungar” fühlen darf – und wer nicht.