Mehr als eine Stunde ist vergangen, als Maike Kohl-Richter einen Einblick in die Arbeitsteilung im Hause Kohl gibt. Ihr Mann Helmut Kohl, Altkanzler, sitzt neben ihr auf dem Podium in einem Frankfurter Hotel. Vor ihm sein neues Buch. Maike Kohl-Richter spricht über dessen Entstehung. „Mein Mann hat das im Kopf. Ich gehe dann in die Archive, suche ihm raus, was er im Kopf hat, und dann lege ich ihm schrittchenweise die Dinge vor”, sagt sie. „Und dann sagt er: Das will ich sagen, das will ich nicht sagen, und das möchte ich anders sagen.” Er redigiere eben – wie früher.

Helmut Kohl: Redigieren wie früher

Das Ergebnis dieser Arbeit trägt den Titel „Aus Sorge um Europa”, und Kohl stellt es an diesem Montag der Öffentlichkeit vor. Das Reden fällt ihm nach einem Unfall vor rund sechseinhalb Jahren sichtlich schwer, er verschluckt Silben. Aber der Auftritt scheint ihm wichtig zu sein. „Ich werde immer für Europa kämpfen”, ringt sich der 84-Jährige ab. Seine Frau reicht ihm ein Taschentuch.

Der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hält eine Rede, von der er zu Beginn selbst sagt, dass sie zwischen Buchpräsentation – also Anlass der Einladung – und Kohl-Laudatio schwanken werde. Es entsteht der Eindruck, dass Kohl hier auch um den rechten Blick auf sein eigenes politisches Erbe kämpft.

Vernichtendes Urteil über Schröder

Kohl beschreibt sich in dem Buch als erfolgreichen Antreiber der europäischen Einigung und beklagt die Europa-Müdigkeit der vergangenen Jahre. Als Widmung hat er den Spruch „Für Frieden und Freiheit” gewählt. Im Text stellt er vor allem seinem Nachfolger im Kanzleramt, Gerhard Schröder, ein bisweilen vernichtendes Urteil aus. Vorab waren bereits Passagen des Buches bekannt geworden, in denen Kohl Rot-Grün eine zu frühe Aufnahme Griechenlands in die Eurozone und das Aufweichen des Euro-Stabilitätspaktes ankreidet – „ein Schandstück deutscher Politik”, wie er es nennt.

Im Buch finden sich aber auch Absätze zum Nein der rot-grünen Bundesregierung zu den USA vor dem Irakkrieg. Die Koalition habe damals die Kriegsangst der Deutschen politisch instrumentalisiert, schreibt Kohl. „Das allein dem Wahlkampf geschuldete Verhalten eines deutschen Bundeskanzlers und seines Außenministers im Jahr 2002 ist eine wahrhaft historische Zäsur”, urteilt er. „Es ist der seit 1945 bis heute gravierendste Vertrauensbruch einer deutschen Regierung im Rahmen der freien, westlichen Welt und Wertegemeinschaft.”

Für einen Kanzler, der seit 16 Jahren nicht mehr im Amt ist, war zuletzt viel über Kohl geredet worden. Grund waren sein Streit mit dem Autor Heribert Schwan und Kohls nachtragend wirkende Aussagen über Parteikollegen, die der SPIEGEL veröffentlichte. Die heutige Kanzlerin Angela Merkel etwa habe „nicht mit Messer und Gabel essen” können, urteilte der Altkanzler. Gegen das Buch der Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens, in dem die Aussagen zu lesen sind, geht Kohl derzeit vor.

Blitzlichtgewitter über Maike Kohl-Richter

Sein eigenes Buch sei erst im Sommer entstanden, erklärt Kohls Verlag. Im Grunde ist es ein längerer Aufsatz, der sich gut innerhalb einiger Stunden lesen lässt. Es ist auch der Versuch, Kohl, der ja selbst nur noch schwerlich sprechen kann, wieder zu einer politischen Stimme zu machen – vielleicht geraten all die Nebengeräusche der vergangenen Jahre dann etwas in Vergessenheit.

Zu diesen Nebengeräuschen gehört auch die Rolle Maike Kohl-Richters. Bisweilen wurde ihr vorgeworfen, den Altkanzler nach außen abzuschirmen. Dass sie selbst zum Gegenstand der Kohl-Debatte geworden ist, ist auch an diesem Tag zu bemerken. Jede Regung in Richtung ihres Mannes wird von den Fotografen mit einem Blitzlichtgewitter goutiert. Juncker kann am Rednerpult über Krieg und Frieden sprechen – die Aufmerksamkeiten richtet sich auf das Ehepaar.

Dieses Grundrauschen erklärt dann auch, warum Juncker mehrmals über seine Besuche im Hause Kohl berichtet. „Es ist nicht so, dass das Haus geschlossen wäre”, sagt er. Diskussionen seien bei seinen Besuchen oft so abgelaufen: Er selbst sage einen Satz, Maike Kohl-Richter sage einen Satz. Kohl gebe dann per Fingerzeig einem von beiden Recht. Eindeutige Urteile fällen kann der Altkanzler eben noch.