„Wir gehen jetzt rein“, sagt ein vierschrötiger Glatzkopf mit Erkennungsmarke um den Hals. Er ist der Anführer eines Trupps von vier ziemlich wohlgenährten kommunalen Ordnungshelfern in gelben Signalwesten, die durch die sogenannten numerierten Straßen patrouillieren wollen. Diese Straßen bilden ein Viertel am Rande von Miskolc, einer 160.000-Einwohner-Stadt im Nordosten Ungarns, in dem fast ausschließlich Roma leben. Dort haben die Straßen keine Namen, nur Nummern. Und auch damit soll es bald vorbei sein.

Béla Horváth (vorne) von der Roma-Selbstverwaltung in Miskolc

Im Sommer vergangenen Jahres beschloss der Stadtrat, die „Gettos und Slums“ von Miskolc zu beseitigen. Gemeint waren damit die numerierten Straßen. Angeblicher Grund dafür ist, dass Platz für eine moderne Fußball-Arena geschaffen werden soll, die auch für Europapokalspiele zugelassen ist, was den Bedarf eines geräumigen Bus-Parkplatzes einschließt. Nicht dass die Mannschaft von Miskolc an den Türen der Champions League rütteln würde: Der Diösgyöri VTC steht derzeit auf Rang sechs der ungarischen Liga. Aber man weiß ja nie. Tatsächlich sieht es vor allem so aus, dass die in Miskolc führende Fidesz-Partei die Roma aus der Siedlung einfach loswerden möchte. Es gibt Wegziehprämien, und wer mit Mietzahlungen für die stadteigenen Häuschen im Rückstand ist oder wessen Vertrag ausläuft, bekommt einen Räumungsbescheid.

Bürgermeister Ákos Kriza drückt das so aus: „Die Mieter, die seit langer Zeit Mietrückstände aufhäufen, und Bewohner, die unrechtmäßig und illegal – also ohne Vertrag – dort wohnen, haben erkannt, dass die Geduld der Misklocer Bürger zu Ende ist. Die Stadt opfert keine weiteren Steuergelder für die Wohnungen solcher, die selbst nichts bereit sind zu tun.“ Die Zahl der Personen, die in den „Armutssiedlungen“ lebten, sei in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen, sagt der Fidesz-Politiker. Die Stadt wolle „der Probleme Herr werden, bevor es eskaliert wie in Paris oder São Paulo“. Deswegen habe man entschieden „noch rechtzeitig zu handeln“, auch wenn das mit Konflikten einhergehe.

Miskolc: die „Siedlung der numerierten Straßen“


Mit resignierten Gesten nach links und rechts geht Béla Horváth durch die schmuddeligen Gassen und weist auf Häuser ohne Fenster und Türen. Aus diesem Haus in der fünften Straße seien zwei Familien hinausgesetzt worden, schnarrt der kleine Mann mit dem dünnen Oberlippenbärtchen. Mária, deren Kinder schon aus dem Haus seien, sei zu ihrer Mutter in einen Vorort gezogen. Jenes Haus in der sechsten Straße habe ein alter Mann verlassen müssen, erst gestern. Jetzt sei er erst mal in einem Obdachlosenheim untergekommen. 36 Wohnungen seien inzwischen leer, 38 weitere sollten bis Ende April geräumt werden. Seit einem Monat könnten die Räumungen nicht mehr aufgehalten werden.

Krisztiane erzählt, was es mit den leeren Öffnungen für eine Bewandtnis hat. Die Frau mit aufgemalten Brauen, strahlend blauen Augen und großen Ohrringen steht mit verschränkten Armen in der Tür zu ihrem Häuschen. Kaum dass die Leute ihrem Räumungsbescheid Folge geleistet hätten, so berichtet sie, lasse die Stadtverwaltung die Türen und Fenster samt ihren Rahmen herausreißen, damit die Häuser unbewohnbar werden. Noch sechzig Familien gebe es in der Siedlung, die mit ihrer Miete nicht in Rückstand seien und deren Mietvertrag noch nicht ausgelaufen sei. Der längste sei bis 2018 befristet. Diese Familien würden wohl an einer Ausschreibung für neue Wohnungen teilnehmen können. Wo die übrigen abgeblieben seien, wisse man zum Teil gar nicht.

Ein Auswahlverfahren für Sozialwohnungen

Die Romasiedlung war ein großes Thema im Kommunalwahlkampf des vergangenen Jahres. Überall liegt hier Müll herum. Ein verkrüppelter Mann hinkt über die Straße. Ein anderer fährt mit einem Elektroroller heran und will laut schimpfend seine Lebensgeschichte loswerden. Politiker der rechtsextremen Partei Jobbik organisierten im vergangenen Sommer „Ortsbegehungen“, angeblich um Drogendealer festzusetzen, weil die Polizei das nicht tue. Dass Bürgermeister Kriza versprochen hat, hier „aufzuräumen“, hat ihm und dem Fidesz womöglich die Mehrheit gerettet. Im nahe gelegenen Ózd, wo es auch viele Roma gibt, triumphierte ein Jobbik-Mann. Aber ein Konzept, das darüber hinausgeht, die Roma loszuwerden und die numerierten Straßen mit dem Bulldozer einzuebnen, ist in Miskolc nicht erkennbar. Schon haben sich in den umliegenden Gemeinden Bürgerinitiativen gebildet, die diese Leute auch nicht haben wollen.

Zwar können die, deren Wohnung geräumt wurde, sich wieder um eine Sozialwohnung bewerben, wenn ihr derzeitiger Mietvertrag ausgelaufen ist (und sie nicht mit ihren bisherigen Zahlungen im Rückstand sind). Wohin sie aber in der Zwischenzeit gehen sollen, bleibt ihnen selbst überlassen. Außerdem bedeute ein solches Recht zur Bewerbung noch keinen automatischen Wohnungstausch oder eine besondere Bewertung beim Auswahlverfahren, betont der Bürgermeister. Er verweist darauf, dass der Malteser Hilfsdienst die Stadt dabei unterstütze, herauszufinden, „wer eine neue Chance auf eine neue Wohnung verdient. Sollte sich im Laufe des Verfahrens herausstellen, dass einzelne Familien sich nicht an die gesellschaftlichen Normen halten, kann die Stadt ihnen keine helfende Hand reichen“, sagt Bürgermeister Kriza.

Ungarische Roma als Asylbewerber akzeptiert

Die vier Ordnungshelfer biegen um die Ecke. Sie kehren den Fremden, die hier Fragen stellen, rasch den Rücken zu. Über ihre Arbeit dürften sie nichts sagen, hatten sie gesagt. Krisztiane sagt, sie kämen regelmäßig jede Woche. „Sie machen nichts, sie helfen nicht, sie sind einfach nur da,“ sagt die junge Frau, an der vorbei zwei halbwüchsige Jungs ins Haus huschen. Sarkastisch fügt sie hinzu: „Sie sichern den Ort, weil ja jeder, der hier lebt, um sein Leben fürchten muss.“

Ein geräumtes Haus in Miskolc

Horváth sagt, früher hätten die meisten Leute hier Arbeit im Stahlwerk gehabt. Die verfallenden Industriebauten kann man von der Siedlung aus sehen, fast so nah wie die Flutlichter des Stadions und die Betonwand eines Weltkriegsbunkers. Heute hat hier kaum jemand mehr Arbeit. Horváth ist privilegiert: Er ist bei der Roma-Selbstverwaltung angestellt.

Die meisten Leute zahlen, wenn sie zahlen, für die primitiven Häuser eine Warmmiete von 12.500 Forint im Monat, das sind weniger als fünfzig Euro. Kein Wunder, dass sie nicht freiwillig ausziehen wollen. Die neue Hoffnung heißt Kanada. Seit ein Gericht dort ungarische Roma als Asylbewerber akzeptiert hat, wollen alle dorthin auswandern. Horváth hält an einem Haus, klopft an das noch intakte Küchenfenster und gibt einem kleinen Jungen, der herauskommt, ein paar Blätter Papier in die Hand. Es ist ein Behördenbescheid für die Auswanderung. Horváth sagt: „Hier gibt es keine Hoffnung mehr. Worauf sollen sie noch warten?“

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