«So geht das nun jeden Tag: Vor den Brunnen müssen die Menschen stundenlang warten», beobachtet Kriszta Bodis. «Sie sind genervt und verzweifelt. Aber es kommt kaum noch Wasser aus den Leitungen.» Bodis leitet eine private Hilfsorganisation im Roma-Quartier Hétes in der nordungarischen Stadt Ozd. Früher lebten hier Arbeiter des mittlerweile stillgelegten Stahlwerks. Jetzt wohnen 400 Roma in den verfallenen Häusern, fast alle sind arbeitslos. Wasserleitungen und Kanalisation gibt es hier nicht, Trinkwasser kam aus zwei Gemeinschaftsbrunnen. Bis vergangenen Donnerstag. Da legte die Gemeindeverwaltung von Ozd einen Brunnen still und reduzierte beim anderen die Durchflussmenge auf5 Literpro Minute. Normalerweise fliessen aus einem Brunnen an die50 LiterWasser, aus dem Wasserhahn zu Hause etwa25 Literpro Minute.

So wie Hétes ergeht es derzeit allen Roma-Quartieren der verarmten Industriestadt. In den vergangenen Tagen liess die Stadtverwaltung 27 Brunnen stilllegen und bei 62 die Durchflussmenge reduzieren. Und das bei einer Hitzewelle mit Temperaturen an die 40 Grad. Rund 2500 Menschen seien vom Wasserboykott direkt betroffen, schätzt Bodis. Vor allem die Frauen und Mädchen würden darunter leiden. Weil die Männer im Arbeitsprogramm der Regierung verpflichtet sind, müssen sie das Wasser holen. Allein das Befüllen eines Kanisters dauert nun zwei bis drei Minuten, mit dem Hin- und Rückweg und dem Warten in der Schlange brauchen sie bis zu einer Stunde, um10 LiterWasser zu holen.
Helvetisches Prestigeprojekt
Bodis war die Erste, die in Facebook über den Wasserentzug schrieb, denn am Wochenende «eskalierte die Situation in der grossen Hitze». Über Facebook fand die Geschichte den Weg in die Medien, zuerst in die ungarischen, anschliessend auch in die ausländischen. Beschlossen wurde die Massnahme vom Ozder Gemeinderat, in dem die Regierungspartei Fidesz die Mehrheit hat. Bürgermeister Pál Fürjes (ebenfalls Fidesz) begründet sie mit Wasserdiebstahl und Verschwendung. In den Roma-Quartieren sei nichts bezahlt worden, das Trinkwasser aber zum Autowaschen und am Bau verwendet worden. Das sei Schwachsinn, entgegnet Kriszta Bodis: Für Wasser aus öffentlichen Brunnen gebe es keine Gebühren, und niemand in Hétes könne sich ein eigenes Auto zum Waschen leisten.

Dass die Häuser der Roma-Quartiere keine eigenen Wasseranschlüsse haben, soll sich bald ändern – und zwar mit Schweizer Hilfe. 2010 unterzeichnete die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ein Abkommen mit der Gemeinde und den Wasserwerken über Sanierung und Ausbau der Wasserversorgung in Ozd. Aus der Kohäsionsmilliarde für Osteuropa sollen über 7 Millionen Franken investiert werden, um die asbesthaltigen Rohre zu ersetzen und das Netz in die Roma-Quartiere zu verlängern. Ozd ist ein Prestigeprojekt der Schweizer, das bei Präsentationen der Hilfsmassnahmen in Osteuropa oft und ausführlich erwähnt wird.

Die internationale Empörung über die Geschehnisse in Ozd hat an der Schweizer Zahlungsbereitschaft bisher nichts geändert. Die zuständigen Stellen vertrauen zum einen auf die offiziellen Dementis: Die Medienberichte über den grossflächigen Wasserentzug «decken sich nicht mit unseren Informationen», sagt Liliana de Sá, die das Büro für den Kohäsionsbeitrag in Budapest leitet. «Unsere ungarischen Partner haben uns versichert, dass für alle Bewohner von Ozd der Zugang zu einem Brunnen innerhalb von 150 Metern gewährleistet sei.» Ungarns Ombudsmann für Grundrechte untersuche jetzt die Angelegenheit. «Solange keine Ergebnisse vorliegen, ist über Auswirkungen auf unser Engagement nicht zu spekulieren», sagt de Sá. Zum andern zeige die ganze Geschichte gerade eben, wie wichtig eine ausgebaute Wasserversorgung sei: Bessere Leitungen und direkte Anschlüsse in den betroffenen Häusern entschärften die Situation mit den öffentlichen Brunnen, sagt de Sá.
Asbesthaltige Rohre
Auch wenn zum Ausmass und zu den Folgen des Wasserstopps in Ozd vorerst widersprüchliche Angaben bestehen: Für Kenner der lokalen Gegebenheiten wäre es wünschenswert, wenn die Schweiz bei ihren Entwicklungsprojekten ein schärferes Augenmerk auf die Menschenrechte legte. Gefragt wäre ein «aktives Monitoring, mit unangemeldeten Kontrollen», sagt die Schweizer Journalistin Gina Böni, die in Budapest die Stiftung Manush für sozial benachteiligte Jugendliche leitet. «Dass die Roma von Behörden, von der Polizei und in Spitälern diskriminiert werden, ist nämlich absolut alltäglich – in Ozd ebenso wie in ganz Ungarn.»

Böni hielte es zwar für kontraproduktiv, wenn die Schweiz ihr Engagement in Ozd einfach abbräche – «doch sollten Diskriminierungen nicht unkommentiert hingenommen werden». So sei etwa unbedingt darauf zu achten, dass beim Wasserversorgungsprojekt auch Roma von Aufträgen profitierten.
Noch ist wenig Geld geflossen
Immerhin: Bei groben Menschenrechtsverletzungen wäre laut Liliana de Sá grundsätzlich ein Ausstieg aus dem Projekt möglich, und noch ist wenig Geld geflossen. «Wir leisten keine Vorfinanzierung, sondern es werden – nach gründlicher Prüfung – entstandene Kosten rückvergütet. Für das Projekt in Ozd wurden bisher rund 28’000 Franken bezahlt», sagt de Sá. Es handelte sich dabei um Beiträge an das Projektmanagement. Die eigentlichen Bauarbeiten sollen erst in nächster Zeit beginnen. Aus «administrativen Gründen» sei das Projekt etwas verzögert worden, erklärt de Sá.
Kurios am Ganzen: In Ozd scheint ausserhalb der Gemeindeverwaltung kaum jemand von der Schweizer Hilfe zu wissen. Kriszta Bodis erfährt erst vom TA davon und ist sehr überrascht. Letzte Woche telefonierte sie mit Bürgermeister Fürjes, und der habe vorgeschlagen, dass die Roma doch Wasserleitungen in ihre Häuser selbst bezahlen sollten. Die Gemeinde würde ein Viertel der Kosten übernehmen. Das Schweizer Projekt habe der Bürgermeister mit keinem Wort erwähnt.(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.08.2013, 06:55 Uhr

