Auch in der Mariahilfer Straße gibt es leere, unvermietete Läden. Aber vor allem wegen Geschäftsumbaus. In dem 
einen arbeiteten gerade die Maurer, sogar am Samstagvormittag, der andere stand leer, anscheinend auf Elektriker 
wartend. Es gab einen Laden, von dem man seine einstige Funktion nicht mehr feststellen konnte, in seinen  Schaufenstern affektierten wohlgeformte Porzellanwaren und Tongefäße, Bleistiftzeichnungen und Aquarellbilder. Es war eindeutig sichtbar, dass sie nicht zum Verkauf ausgestellt sind, sondern damit das Geschäft auch in der Zwischenzeit nicht leer steht, bis er einen neuen Besitzer findet. Das Bild ist auch in den Seitengassen der Einkaufsstraße ähnlich, aber plakatierte, gekritzelte, mit Obdachlosenmöbeln ausgestattete Eingangsbereiche habe ich keinen einzigen gesehen.

Gerhard Berger.Wie mir der für das Stadtbild verantwortliche Architekt Gerhard Berger, technischer Oberamtsrat und führender 
Sachbearbeiter der Magistratsdirektion-Stadtbaudirektion im Wiener Rathaus mitteilt, orientiert sich streng an die Stadtführung die Prinzipien und der Praxis der 1970er Jahre, laut dem das Stadtzentrum systematisch erneuert werden muss. Geographisch bedeutet das, das vom großen Ring, dem Gürtel umrahmte Gebiet. Wien mit seinen 1,7 Mio. Einwohnern soll wieder besiedelt werden (bis zum Jahr 2030 wird die Einwohnerzahl wieder die 2 Mio. erreichen, wie 1920, merkt der Architekt nebenbei an): „Die Geflohene“ müssen vom Randbezirken und Vororten wieder in die Innenstadt gelockt werden. Und zwar durch die Reduzierung des Straßenverkehrs und die Einrichtung von Fußgängerzonen, Dienstleistungs- und Geschäftseinheiten (wo der Kunde gegrüßt wird), Kaffeehäuser und Restaurants innerhalb des Gürtels. Diejenige, die in die innere Bezirke zurückkehren, schätzen und suchen vor Allem die überdurchschnittliche Lebensqualität des Stadtzentrums. Diese Menschen und Familien haben einen anderen Lebensstil mit anderen Kaufgewohnheiten, sie ähneln sich immer mehr den in den einstigen „glorreichen Friedenszeit“ Lebenden. Sie sind diejenige, die nicht gleich ins Auto steigen, wenn sie etwas zwei Straßen weiter erledigen müssen, sie spazieren, bummeln, oder radeln.

Auf diesen Lebensstilwechsel hat auch der Handels- und Dienstleistungssektor reagiert – macht darauf Herr Ing. 
Berger den Journalisten aufmerksam. Aufgeweckte rangen um den Kauf oder die Miete der vor ein paar Jahren leer 
gewordenen Geschäftslokale, und eröffneten ihre neue Geschäfte. Es kann durchaus passieren, dass dem Kunden im ehemaligen Textilladen nicht mehr feine Stoffe, sondern exklusive Kosmetikartikel angeboten werden. Wenn Sie 
Textil erwähnt haben: Zum Beispiel die Schnittwarenhändler befinden sich in einem leicht begehbaren Kries, sie 
rivalisieren nicht miteinander, denn sie haben alle ihr eigenes Angebot und eigenen Kundenkreis.

Auch die Kunsthandwerker, Künstler und andere kreative Personen haben die Vorteile des Erdgeschosses erkannt 
und setzten sich beinahe ins Schaufenster, ihre Künstlerwerkstätten und Arbeitsstellen haben sie mindestens so 
eingerichtet, dass die Fußgänger leicht einblicken können, während sie oft bis spät am Abend arbeiten oder 
verhandeln. Der reizende Vorteil dieser quasi Besiedlung der Straße ist das Sicherheitsgefühl: Verbrecher mögen 
Plätze mit guter öffentlichen Beleuchtung nicht.

Wien, Brunnermarkt.Doch die österreichische Hauptstadt reicht über dem Gürtel hinaus. Wie in Budapest, so gibt es auch in Wien eine Zone zwischen der Innenstadt und den Randbezirken. Ob der bürgerliche Wohlstand bereits auch dort seinen Fuß gefasst hat?

Mein Gesprächspartner geriet nicht in Verlegenheit, erwähnt Fakten: Viele Jahre, Jahrzehnte müssen vergehen, bis 
sich zum Beispiel der Brunnenmarkt und seine Umgebung im Bezirk Ottakring aufholen. (Nach einigen Meinungen soll in dieser Gegend bereits der Balkan beginnen… Laut Statistiken geben die Türken 40% der Bevölkerung aus.) Dies ist nicht die Gegend, wo die Einwohner bereit sind, stundenlang Schlange zu stehen, um Karten für eine Opernpremiere zu erwerben. Mit einem Wort: Hier begann noch kein Aufschwung, das Prinzip und der Praxis sind aber, wie in der Innenstadt: Mit der Modernisierung und Ausbau der Infrastruktur muss man den Wert der Immobilien und einst dekorativen Anlagen erhöhen. Für etwa 5 Mio. Euro führte die Stadt Wien die Sanierung einer 650 m langen Strecke am Brunnenmarkt durch, auch die Immobilienbesitzer konnten teilweise überzeugt werden, ihre Häuser zu sanieren. Das Verhältnis der Privatinvestoren und des Staates bzw. der Stadt liegt bei den laufenden Investitionen der Umgebung bei 1 zu 10, zugunsten der Privatinvestoren.

Und es wirkt Wunder – ruft der technischer Oberamtsrat auf – sanierte Häuser mit geräumigen Wohnungen türmen sich in Reihen. In die verschönerte Wohnungen zieht gebildete, junge Intelligenz, die keine Angst vor Fremden, vor Ausländer haben. Überdurchschnittlich wohlhabende junge Familien geben hier gerne mehr für ihr Zuhause aus, als 
in der Innenstadt, weil es geräumig, menschensnah und gut einrichtbar ist. Wie in der Innenstadt, haben neben 
Verkäufern, mehrheitlich auch Unternehmen die Vorteile eines Arbeitsplatzes am Erdgeschoss in dieser Gegend, unter anderem in der Lerchenfelderstrasse (in der Wiener Lerchenfelderstrasse) entdeckt. Der Preis der 130-140 Jahre alten (noch sanierungswürdigen) Wohnhäuser steigt enorm. 

„Das Wiener Rathaus steht nicht für den Abriss alter Straßen – so Gerhard Berger. – Denkmalschutzexperten warnen 
ebenso vor voreiliger Zerstörung, auch wenn das eine oder andere Gebäudekomplex bereits abbruchreif ist. Der 
Stadtrand wird umsichtig unter Denkmalschutz gestellt, da er einen zweifachen Wert besitzt: Der des Grundstücks 
und der Immobilie lässt sich finanziell feststellen, seinen historischen Wert kann man aber in Euro nicht erfassen. 
Man darf nicht vergessen: Das ist auch Wien, gehört auch uns, wurde uns von unserer Vorfahren überlassen, und das Erbe muss man verschonen, damit auch wir etwas hinterlassen können.“Der zweite Teil unserer Reihe ist hier zu lesen.

Unser Artikel konnte unter Mitwirkung von Compress, dem Verbindungsbüro der Stadt Wien verfasst werden. Vielen Dank dafür! (Übersetzung: Kinga Veronika Molnár)