Von der Wiener Innenstadt kommt man mit der U-Bahn sauber und bequem in weniger als einer halben Stunde nach Aspern Seestadt, in das jüngste Stadtteil Wiens, das bereits 6.000 EinwohnerInnen hat.
Zwar bildet sie eine Verwaltungseinheit der österreichischen Hauptstadt, jedoch könnte die Seestadt, die an einem 50.000 m2 großen künstlichen See entsteht, als eine eigene Stadt betrachtet werden. Das Gebiet war bereits zu den Bronzezeiten besiedelt. In den Chroniken wird es 1258 zum ersten Mal unter dem Namen Asparan erwähnt. 1809 kämpfte Napoleon in der Gegend, nach gut 100 Jahren wurde 1912 das Flugfeld Wiens eingeweiht, das als das größte in ganz Europa galt und bis 1977 betrieben wurde.

Im 2. Weltkrieg, nach dem Anschluss Österreichs, diente es als Luftstützpunkt des 3. Reiches. In den 70ern wurden auf dem Flugfeld Autorennen veranstaltet – vor allem unter der Mitwirkung von Niki Lauda. Mit der Fertigstellung der zweiten Landebahn des Flughafens Wien-Schwechat wurde der Flugplatz Aspern überflüssig und gesperrt.

PolitikerInnen und InvestorInnen beschäftigten sich ab Anfang 2000 mit der Idee, das Gebiet, das zum Teil zum Staat und zum Teil zur Stadt gehörte, zum neuen Leben zu erwecken.
– Als allererstes wurde die U-Bahn ausgebaut, damit die Bauarbeiter ihren Arbeitsplatz schnell erreichen können – erklärte Nikolaus Summer, der Pressechef des Projekts, der die MitarbeiterIn von Infovilag um den Stadtteil führte.

Auf der anderen Seite des Teiches entsteht das neue Zentrum des Bahnverkehrs, von wo aus in nur 30 Minuten Bratislava oder Wien erreichen kann. Eben wer wohin zur Arbeit fährt. Der südliche Stadtteil wird die neue Produktionsstätte von Opel Austria beherbergen. Dafür wird im Westen eine gut 100 m breite Zone im natürlichen Zustand also als Grünfläche behalten. Es ist sehr wichtig, dass mindestens die Hälfte der bewohnten Gebiete Grünflächen sind, mit Wäldern, Spielplätzen und Parkanlagen. Auch für die Hunde wurden bereits drei Hundezonen errichtet.
– Der Bau erfolgt nach einem einheitlich gestalteten Masterplan, jede Entwicklung wird diesem angepasst. Das Grundkonzept ist, dass die Wohnbauten und andere Anlagen so dicht aneinander gebaut werden, dass jeder bequem zu Fuß die Wohnung – oder wohin man eben unterwegs ist – erreichen kann. Damit wenigstens hier keiner mit dem Auto zu fahren braucht. Wir möchten, dass die Menschen lieber mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. In den sechs großen Sammelgaragen, die nur wenige Gehminuten von der Wohnung entfernt sind, kann jeder sein Auto parken. Auf den Straßen sind höchstens LKWs zu sehen, die die Lieferungen machen. Natürlich fahren auch Busse, die die verschiedenen Teile von Aspern verbinden und auch eine Verbindung zur U-Bahn schaffen.
Auf großzügigen Flächen entstehen die Spielplätze und öffentliche Räume, wo KünstlerInnen arbeiten und ihre Werke präsentieren können. Die AnrainerInnen sind sehr stolz darauf, dass die Buchhandlung unter den ersten Geschäften ihre Pforten öffnete, denn auch im Zeitalter des Internets sind Bücher, die man in die Hand nehmen und in denen man blättern kann, einzigartig.
Mein Gastgeber, Nikolaus Summer betont, dass es auch darauf geachtet wird, dass in den bereits bewohnten Teilen alle kommerzielle-, Gesundheits- und Bildungsangebote vertreten sind aber keine unter- oder überrepräsentiert ist.
Laut Plan entstehen in der Seestadt 10.500 Wohnungen. Das Wiener Wohnsystem unterscheidet sich grundsätzlich vom Budapester. Die Stadt Wien ist Europas größte Wohnungseigentümerin. 60 % der Wiener Wohnungen gehören in irgendeiner Form zur Stadtverwaltung.

Das Wiener Wohnungsfinanzierungssystem ist ein bisschen kompliziert. Aber laut des Entwicklungskonzeptes ist es sehr wichtig, dass die Einwohnerschaft gesellschaftlich vielfältig ist.
– Vier Arten von Bevölkerungsbauarbeiten sind typisch, erklärte Nikolaus Summer. Vier Fünftel der Wohnungen erhalten irgendeine Unterstützung und nur das verbliebene 20 % wird ausschließlich aus Eigenmittel finanziert. Das bedeutet hier in der Seestadt, dass 2.000 Wohnungen eigenfinanziert sind. Die bisher aufgebauten etwa 3.000 Wohnungen kosteten 369 Mio. EUR, daraus betrug die Unterstützung 130 Mio. EUR. Der Preis der Immobilien beträgt hier rund 1.700 EUR, also umgerechnet 527.000 HUF pro Quadratmeter.

In großer Zahl werden Wohnungen gebaut, die von der Hauptstadt finanziell unterstützt sind, ihre Miete muss beantragt werden. Voraussetzungen sind zum Beispiel, dass man das 17. Lebensjahr erfüllt, mindestens seit zwei Jahren in Wien wohnt und auch das Einkommen ist entscheidend bei der Zuweisung. Ein Drittel der Baukosten dieser (Sozial-?) Wohnungen deckt die Hauptstadt, die seit Jahrzehnten unter Führung der Sozialisten steht („Das Rote Wien“), aus ihrem eigenen Budget. Inzwischen ist aber die Qualität kein Handelsgegenstand: Die Baufirma soll sich zum Einhalten der Vorschriften der Stadt verpflichten. Unter anderem dazu, dass sie den erwarteten Qualitätsniveau einhält. Die Miete dieser Wohnungen darf zusammen mit den Betriebskosten 7,5 EUR pro Quadratmeter nicht überschreiten. Dies bedeutet bei einer 60 Quadratmeter großen Wohnung 450 EUR, die Nebenkosten und Energiekosten sind weitere 20—30 EUR, was in Wien besonders billig ist.
Der Pressechef zählt weitere Finanzierungsmöglichkeiten auf: Einzelne Investoren bekommen zielgebundene Unterstützung mit festgelegten Voraussetzungen, oder Baugruppen werden unterstützt. Dabei suchen einzelne Gemeinden einen Bauträger und lassen die Wohnungen nach ihrem eigenen Geschmack aufbauen. Auch in diesem Fall ist eine Voraussetzung der Unterstützung, dass die grundlegende Umwelt- und Sozialbedingungen eingehalten werden sollen.
Die vierte Variante ist die klassische Privatbauarbeit, die in den neuen Stadtteilen selten vorkommt.
Auf den Straßen der Seestadt wundert man sich über die Stille und Sauberkeit. Und über die Ideen. Dass der Fußweg plötzlich zum Spielplatz wandelt, wo auch Erwachsene auf einen kleinen Trambulin springen können, wenn sie Lust darauf haben. Dass die Häuser kleinen Parken in die Mitte nehmen und in den Parken die Einwohner selbst Blumen pflanzen können. Zwischen den Bäumen sind Hängematten, wo sie in der Sonne liegen können…
Dieses Jahr wurde das erste Bildungszentrum übergeben, zurzeit wird eine Mittelschule für 1.200 Kinder gebaut und auch der Bau einer Hochschule ist in Planung.

Es wäre nicht Wien, wenn man nichts Neues und absolut Originales ausdenken würde. In Seestadt Aspern wird das größte Holzhaus der Welt aufgebaut, es wird 84 Meter groß und wird etwa 20 Stockwerke haben. Laut der ambitionierten Vorstellung wird es als Hotel funktionieren und mit Apartments ausgestattet, die nur für einige Monate von denen gemietet werden können, die sich diese Umgebung zum temporären Zuhause ausgesucht haben.
Unser Artikel konnte mit Hilfe von Compress, dem Verbindungsbüro der Stadt Wien entstehen. Vielen Dank dafür!

