Unterwegs im unbekannten Ungarn: Szécsény

Eine Kleinstadt 115 km nordöstlich von Budapest im Komitat Nógrád gelegen leidet unter dem Bekanntheitsgrad des UNESCO-Welterbedorfes Hollókő, das nur 15 km  entfernt und weltberühmt ist.

Tja,  was das Prädikat Welterbe nicht alles bewirkt! Szécsény, seit anno 1334 Stadt mit dem intakten historischen Stadtkern, der Stadtmauer mit den beiden stolzen Basteien, den seit anno 1332 hier heimischen Franziskanern und einem sich seit 1929 langsam neigenden, aber statisch stabilen Feuerturm hat 6000 Einwohner.

Der Fluss Ipoly, der die Grenze zur Slowakei markiert, ist nur einen Katzensprung entfernt, seit 2011 verbindet die Katalin-Brücke (siehe Photo, meine Wenigkeit auf der Brücke) wieder die beiden Nachbarn. Die Landschaft ist malerisch, lädt zum Wandern durch die Wiesen und sanften Ausläufer des Cserhát-Gebirges, entlang  des Ipoly und an den Párizs patak (Paris Bach; Name konnte nicht ergründet werden) und natürlich zum kulturell-historischen Stadtspaziergang ein. Davon sind Stadtväter- und -mütter, Bürgermeister László Stayer, seine Stellvertreterin Dr. Beáta Harik-Havasi überzeugt, und damit ihre Stadt aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst werde, wurde als Marketing-Fachmann im Büro für urbane Entwicklung der Journalist János Hollós verpflichtet.

„Wir wollen, ja müssen Szécsény auf die Tourismuskarte zurückschieben”, sagte er, denn Hollókő, das lebendige Freilichtmuseumsdorf in der Nachbarschaft, steht nicht allein für Sehenswertes in dieser Region. (Hochbetrieb herrscht dort alljährlich zu Ostern und das ganze Jahr über, wozu seit Herbst 2016 auch das 4-Sterne-Hotel Castellum beiträgt  (siehe Photo). In Szécsény gibt es vorläufig keine so noble Bleibe.

Für Eintagstourismus ist Szécsény eigentlich zu gut. Man/Frau könnten es als Kostprobe versuchen und bekämen einen Vorgeschmack von allem, was Sehens- und Erlebenswert ist. Zuerst sei da die Besichtigung des barocken Forgách-Schlosses empfohlen (siehe Photo), das das städtische Museum beherbergt und einen Einblick in die Geschichte der Kleinstadt von der neueren Steinzeit über die Schenkungen Karl Roberts aus dem Hause Anjou an Tamás Szécsény (daher der Stadtname), den Bau der Grenzfestung im 15. Jahrhundert, die Niederlassung der Franziskamer und den Niedergang in der Türkenzeit ermöglicht.

Anfang des 18. Jahrhunderts (1705) ließ Fürst Ferenc Rákóczi II. hier den Ständetag einberufen (im Turm der Klosterkriche befindet sich über der Sakristei, beide Meisterwerke der Gotik und architektonisch einmalig in Ungarn, das Rákóczi-Zimmer, das der Fürst anlässlich seines Aufenthaltes in Szécsény bewohnte (siehe Photo).

Ende des 19. Jahrhunderts kam es soweit, dass dem Marktflecken, der früheren stolzen Stadt mit wichtigen Verbindungen in die Bergwerksregion im historischen Nordungarn (der heutigen Slowakei) sogar der Stadtrang aberkannt wurde. Infolge der Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg war das Vegetieren der Stadt nebst Region langfristig besiegelt. Erst in den 60er Jahren setzte ein bescheidener Aufschwung ein, seit Ungarn EU-Mitglied ist (2004) flossen beträchtliche europäische Fördermittel in die Rekonstruktion der historischen Bausubstanz und die allgemeine Entwicklung der Stadt.

Nicht die Industrie, sondern die in Stein gemeißelte Geschichte und die Natur prädestinieren Széchény zum Touristenziel. Die Führung des Franziskanermönchs Bruder Csongors durch Kloster, Kirche und Klostergarten werden zum bleibenden Erlebnis. Aufregend interessant gestaltet sich die Besichtigung der alten Kerkerbastei in der Stadtmauer (siehe Photo). Seit Anfang Mai sind drei Räume – wie es im englischen flyer heißt als escape room eingerichtet; mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden verbunden müssen sich die Teilnehmer des Spiel aus diesen Räumen befreien.

Und die Zeit läuft! Alles dazu unter www.zala-exit.hu. (Das aufregende Befreiungspiel wurde von einem seit zehn Jahren in Ungarn lebenden Holländer entworfen und die Kerkerräume gestaltet.)

Nógrád ist das Palóczenland. Die Palóczen ließen sich mit Fürst Árpád im 10. Jahrhundert im Karpatenbecken, konkret in der heutigen nordungarischen Region nieder. Sie sprechen einen unverwechselbaren, leicht verständlichen Dialekt und sind auf ihre deftige Küche besonders stolz. Auf Leckerbissen aus der regionalen Küche sollte kein Besucher verzichten. An erster Stelle sei die Palóczensuppe, ein säuerlich-würziger Eintopf mit viel Gemüse  – immer mit grünen Bohnen –, meistens Hammelfleisch empfohlen. Als Nachtisch lasse man sich das Nockerlgericht Strapatschka (sztrapacska) mit würzigem Schafskäse, ausgelassenen Grammeln und Sauerrahm servieren. Hungrig bleibt niemand und auf die schlanke Linie sollte man vorübergehend nicht achten.

Leider, leider gibt es auch Schwierigkeiten, will man auf Szécsény als unbedingt zu besuchendes Reiseziel aufmerksam zu machen. www.szecseny.hu gibt es nur in Ungarisch.